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Kleine Maßnahmen, große Wirkung
10.10.05 - Für Patienten mit CED gelten dieselben Impfempfehlungen wie für die Allgemeinbevölkerung

„Wieso sollte ich mich eigentlich impfen lassen? Mein Immunsystem ist doch sowieso auf 180“, mag sich mancher Patient mit Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn denken. Und in der Tat ist die körpereigene Abwehr ja ganz wesentlich an den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) beteiligt. Allerdings muss man unterscheiden: Im Falle der CED richtet das Immunsystem seine Aktivität völlig unspezifisch gegen beliebige Ziele und letztlich gegen den eigenen Organismus. Um eine Erkrankung abzuwehren, muss es dagegen möglichst gezielt gegen Krankheitserreger vorgehen können – und das lernt es unter anderem durch Impfungen.

Patienten mit CED sollten daher grundsätzlich alle Impfungen erhalten, die von der „Ständigen Impfkommission“ (STIKO) des Robert-Koch-Instituts in Berlin als so genannte Standardimpfungen empfohlen werden (siehe Tabelle). Je nach Gesundheits-, Ernährungszustand und Behandlung gehören dazu auch die Impfungen gegen Grippe und Pneumokokken. Weitere Impfungen werden für diesen Personenkreis nicht empfohlen.

Impfungen und CED-Krankheitsaktivität
In der Vergangenheit wurden immer wieder Vermutungen darüber angestellt, ob etwa der Morbus Crohn durch Masern-Viren verursacht werden könnte. Diese Diskussion wurde dann auch auf die Masern-Impfung übertragen. Tatsache ist: Die Ursache von CED ist bis heute nicht geklärt. Allerdings konnte bislang in mehreren Untersuchungen kein Zusammenhang zwischen Krankheitsserregern oder den Impfungen einerseits und dem Auftreten von CED andererseits festgestellt werden. Erst im Mai dieses Jahres wurde eine neue Studie zu diesem Thema im British Medical Journal veröffentlicht. In dieser Studie zeigte sich, dass das Auftreten von CED seit der Einführung der kombinierten Masern-Mumps-Röteln-Impfung in Großbritannien nicht zugenommen hat. Nach heutigem Kenntnisstand sind Impfungen daher nicht die Ursache von Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Nach den bisherigen Erfahrungen lösen sie auch keine Krankheitsschübe aus oder verschlechtern die Krankheitsaktivität.

Patienten unter immunsuppressiver Therapie
Patienten, die mit einem Immunsuppressivum behandelt werden, müssen dennoch ein paar Besonderheiten berücksichtigen. Da ihr Abwehrsystem im Rahmen der Behandlung in Schach gehalten wird, dürfen sie nicht mit Lebendimpfstoffen geimpft werden. Betroffen sind Patienten, die z. B. Azathioprin einnehmen oder Kortikosteroide in einer Dosis von mehr als 20 Milligramm pro Tag (Erwachsene und Kinder über 10 Kilogramm Körpergewicht) bzw. 2 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht (Kinder bis 10 Kilogramm Körpergewicht) über mehr als 14 Tage erhalten. Ihnen steht jedoch die Impfung mit abgetöteten Krankheitserregern offen. Für die meisten dieser so genannten Totimpfstoffe liegen bereits umfassende Erfahrungen bei immunsupprimierten Patienten vor. Sie zeigen, dass die Anwendung unbedenklich ist. Lediglich für die Impfungen gegen FSME, Tollwut und Cholera liegen nur begrenzte Erfahrungen bei dieser Patientengruppe vor.

Immunsupprimierte Patienten sollten auch wissen, dass der Schutz gegen die Erkrankung bei ihnen etwas schwächer ausfallen kann. Eine entsprechend verminderte Wirksamkeit wurde bei Impfungen gegen Grippe, Hepatitis B, Diphtherie und Pneumokokken nachgewiesen. Dennoch sollten diese Patienten der ausdrücklichen Impfempfehlung gegen Grippe und Pneumokokken unbedingt folgen. Der tatsächlich erreichte Impfschutz kann durch eine serologische Kontrolle (Bestimmung der Antikörperkonzentration im Blut) überprüft werden. Gegebenenfalls sollte man solange nachimpfen, bis wirksame Antikörperkonzentrationen erreicht werden. Eine routinemäßige Messung nach fünf Jahren ist empfehlenswert, weil die Antikörperkonzentration teilweise schneller als bei gesunden Erwachsenen absinkt.

Passive Impfungen mit Immunglobulinen können bei immunsupprimierten Patienten ebenso durchgeführt werden wie bei Gesunden.

 
Impfstoff
Standardimpfungen
Lebend
Tot
Diphtherie
+
Pertussis (Keuchhusten)
+
Tetanus
+
Haemophilus influenzae Typ B
+
Hepatitis B
+
Poliomyelitis (Kinderlähmung)
+
+
Masern, Mumps, Röteln (MMR)
+
Windpocken
+
Influenza (Grippe)
+*
Pneumokokken
+
Sonstige Impfungen
Tuberkulose
+
FSME ("Zeckenimpfung")
+
+
Typhus
+
+
Gelbfieber
+
Cholera
+
+
Meningokokken
+
Tollwut
+
Hepatitis A
+
*Spaltimpfstoff

Fazit
  • Für Patienten mit CED gelten die gleichen Impfempfehlungen der STIKO wie für Nicht-Erkrankte. Generell sind Impfungen gegen Kinderlähmung (Spritzimpfstoff), Diphtherie, Tetanus, Hämophilus influenzae, Keuchhusten, Grippe und gegen Pneumokokken ratsam. Nur bei spezieller Gefährdung werden Impfungen gegen Hepatitis A, B und FSME empfohlen.
  • Eine antientzündliche Behandlung mit Mesalazin schränkt diese Empfehlung nicht ein.
  • Insbesondere vor Beginn einer Behandlung mit Azathioprin sollten Patienten gegen Pneumokokken geimpft werden.
  • Während einer Behandlung mit Azathioprin und Steroiden in höherer Dosis darf bis 3 Monate nach Beendigung der Behandlung nicht mit Lebendimpfstoffen wie Kinderlähmung-Schluckimpfung, Mumps, Masern, Röteln, Windpocken, Tuberkulose, Gelbfieber oder Lebendimpfstoffen (verwendet bei Impfungen gegen Typhus, FSME und Cholera-Schluckimpfung) geimpft werden. Ist eine immunsupprimierende Behandlung absehbar, sollte vor dieser Behandlung mit Lebendimpfstoffen geimpft werden.
  • Bei Impfungen mit Totimpfstoffen sollte der Impferfolg serologisch überprüft werden und bei nicht ausreichendem Impfergebnis mit einer höheren Dosis nachgeimpft werden und der Impferfolg nochmals kontrolliert werden.
  • Patienten, die mit Azathioprin behandelt werden, sollten jährlich gegen Influenza geimpft werden.

Literatur
  • Seagroatt: MMR vaccine and Crohn’s disease: ecological study of hospital admissions in England, 1991 to 2002. BMJ 2005;330:1120–1
  • Sands BE et al. Guidelines for immunizations in patients with inflammatory bowel disease. Inflamm Bowel Dis 2004, 10 (5): 677-692)
  • Hofmann F Impfungen im Erwachsenenalter. Internist 2005, 46:206-213
  • Meyer C et al. Über die Bedeutung von Schutzimpfungen. Bundesgesundheitsbl. - Gesundheitsforsch-Gesundheitsschutz 2002, 45:323-331
  • Dittmann S Risiko des Impfens und das noch größere Risiko, nicht geimpft zu sein. Bundesgesundheitsbl - Gesundheitsforsch-Gesundheitsschutz 2002, 45:316-322
  • Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut Epidemiologisches Bulletin 30:23./.2004
  • Interview mit Dr. Wiebke Hellenbrand (Zentrum für Infektionsepidemiologie des Robert Koch Instituts) 2002
  • Impfungen bei Autoimmunerkrankungen: DR. H Michels (Kinder- und Rheumaklinik, Gehfeldstr. 24, 82457 Garmisch-Partenkirchen, Prof. H.-J. Suschke, Kinderpoliklinik - Klinikum Innenstadt der Ludwigs-Maximilians-Universität München, Pettenkofferstr. 8a, 80333 München)
  • Dr. Annette Reißmann (Halle) Impfen unter Immunsuppression. Bauchredner 2004, 3:94 - 96
  • Vakzinierungsstrategien bei Immunsupprimierten: Prof. Dr. Ulrich Bienzle (Tropeninstitut Berlin und Medizinische Fakultät Charite der Humboldt-Universität zu Berlin)
  • Beispiele für Lebendimpfstoffe auf www.uni-heidelberg - Vorlesungen pharmazeutische Chemie


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