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Schleimhautbarriere mit Lücken
11.08.06 - Immer mehr Studienergebnisse deuten darauf hin, dass Morbus Crohn und Colitis ulcerosa auf eine gestörte bakterielle Abwehr an der Darmschleimhaut zurückgehen.

Chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED) entstehen, wenn das körpereigene Immunsystem auf Bakterien im Darminneren in einer überschießenden Weise reagiert. Das ist meist die Information, die Ärzten ihren Patienten mitgeben und die in Lehrbüchern und Broschüren über Morbus Crohn und Colitis ulcerosa zu finden ist; noch zu finden ist, denn die Erklärung enthält nur die halbe Wahrheit.

Zwar ist bei CED-Patienten die Konzentration jener Botenstoffe, die die Immunabwehr mobilisieren, tatsächlich erhöht, und auch die Abwehrzellen sind verstärkt aktiv. Es ließ sich jedoch nie beweisen, dass diese Immunreaktion tatsächlich die Ursache der CED ist. Forscher suchten daher schon länger nach anderen Störungen und scheinen einer Lösung mittlerweile sehr nahe zu sein.

Immer mehr Studienergebnisse legen nahe, dass CED primär auf eine gestörte Barrierefunktion der Darminnenwand zurückgehen. Demnach würden Bakterien kontinuierlich in die Darmwand eindringen und das Immunsystem in einen dauerhaft aktiven Zustand versetzen. Wie das Erklärungsmodell im Detail aussieht und welche therapeutischen Konsequenzen sich daraus ergeben, das wollten wir von Professor Dr. Eduard Stange wissen. Der Gastroenterologe ist Chefarzt der Inneren Medizin am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart und hat diese Hypothese entwickelt.


Interview

Herr Professor, was ist unter der Barrierefunktion des Darmes zu verstehen?
Stange: Im Darm gibt es verschiedene Strukturen, die ein Eindringen von Darmbakterien in das Gewebe verhindern. Wesentlich sind zum einen bestimmte Strukturen, die den Raum zwischen den Zellen der obersten Darmwandschicht abdichten, die tight junctions. Zum anderen gibt es eine vorgeschaltete chemische Barriere aus so genannten Defensinen. Dabei handelt es sich um körpereigene Antibiotika, die Bakterien zum Platzen bringen, bevor sie an die Darmwand gelangen.

Welche dieser Strukturen ist bei CED-Patienten gestört?
Stange: Wir gehen heute davon aus, dass es die chemische Barriere durch Defensine ist. Dafür spricht, dass die Darmoberfläche und die darüber liegende Schleimschicht in bestimmten Regionen des Verdauungstrakts bei Patienten massiv von Bakterien besiedelt sind. Bei Gesunden bleiben Darmoberfläche und Schleimschicht dagegen ganz oder weitestgehend steril. Darüber hinaus haben wir bei Morbus-Crohn-Patienten mittlerweile genetische Defekte gefunden, die mit einer verminderten Produktion bestimmter Defensine einhergehen. Betroffen sind je nach Defekt die Defensin-Produktion im Endabschnitt des Dünndarms oder im Dickdarm. Das erklärt auch, warum manche Patienten einen Morbus Crohn nur im Ileum entwickeln, andere nur im Kolon. Da genetische Defekte in der Krankheitsentstehung ganz am Anfang stehen, haben wir es hier tatsächlich mit einem ursächlichen Problem zu tun und nicht mit einer Folgeerscheinung, wie der Immunreaktion.

Kann man dann überhaupt noch von einer überschießenden Immunreaktion sprechen?
Stange: Die Immunreaktion als solche ist vermutlich angemessen. Denn wie soll sich der Organismus sonst gegen eindringende Bakterien wehren?

Setzen dann Behandlungen, die das Immunsystem dämpfen, nicht am falschen Ende an?
Stange: Diese Therapien sind symptomatisch wirksam, beheben aber nicht das ursächliche Problem. Wir versuchen daher Therapien zu entwickeln, die die bakterielle Abwehr über Defensine stärken. Eine Strategie ist darauf gerichtet, die Produktion von Defensinen anzukurbeln. Eine andere besteht darin, Defensine zu verpacken und in den Verdauungstrakt einzubringen.

Gibt es dazu schon konkrete Ansätze für die Praxis?
Stange: Im Falle der Colitis ulcerosa haben sich bestimmte Probiotika zum Erhalt der beschwerdefreien Zeit als wirksam erwiesen. In dieser so genannten Remissionsphase ist die Produktion von Defensinen relativ niedrig. Mit Präparaten, die Escherichia-coli-Bakterien vom Stamm Nissle enthalten, lässt sich die Produktion ankurbeln. Die Maßnahme schützt also vor einem Rezidiv. Therapien, bei denen Defensine sozusagen als Medikament in den Darm eingebracht werden, sind derzeit noch in einem sehr frühen Stadium der Entwicklung.

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Die Zellen der Darmschleimhaut - hier des Dünndarms - produzieren körpereigene Antibiotika, mit denen sie Bakterien auf Distanz halten. Diese so genannten Defensine werden bei CED-Patienten anscheinend in zu geringem Umfang produziert, sodass Darmbakterien bis zu den obersten Zellschichten vordringen können und eine Immunreaktion auslösen.
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