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Schwer wiegende Erbschaften
01.01.07 - Noch immer sind sich Mediziner unsicher, wie chronisch entzündliche Darmerkrankungen entstehen. Klar ist nur, dass Erbanlagen und ungünstige Einflüsse von außen das Risiko gemeinsam bestimmen. Studien mit betroffenen und nicht betroffenen Zwillingen sollen nun die vielleicht letzten Schleier lüften.

Eineiige Zwillinge sind eine Besonderheit in der Natur des Menschen. Sie entstehen, wenn die ersten Tochterzellen der befruchteten Eizelle nicht als Zellbündel beieinanderbleiben, sondern sich - unplanmäßig – trennen und dann selbstständig weiterwachsen. Die Folge sind zwei Lebewesen, die in ihren Erbanlagen identisch sind.

Eineiige Zwillinge sehen sich daher zum Verwechseln ähnlich. Nicht nur Lehrern, auch nahestehenden Freunden und den Eltern kommen manchmal Zweifel, wen sie vor sich haben. Und nicht selten geraten Zwillinge beim Betrachten gemeinsamer Bilder sogar selbst darüber ins Streiten, wer denn nun wer ist. Eigentlich leuchtet das ja auch ein: Wenn die Baupläne übereinstimmen, dann sehen auch die Häuser gleich aus. Trotzdem – manchmal zeigen sich Unterschiede.

Die Gene machen anfällig...
Die Erbanlagen leisten auch ihren Beitrag, wenn ein Mensch an Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa erkrankt. So konnten in den vergangenen Jahren mehrere Gene identifiziert werden, denen man eine Rolle bei der Entstehung chronisch entzündlicher Darmerkrankungen (CED) zuschreibt. Allerdings erkranken selbst bei eineiigen Zwillingen nicht immer beide Geschwister. Bestimmte Gene allein reichen also nicht aus, um die Erkrankung auch tatsächlich ausbrechen zu lassen.

Genau das geht aktuell aus einer Studie der Universität Kiel in Kooperation mit dem Asklepios Westklinikum Hamburg hervor, in der 68 eineiige und 121 zweieiige Zwillingspaare untersucht werden. „Von den eineiigen Paaren mit Morbus Crohn sind aber nur bei 35 Prozent beide Geschwister betroffen, von denen mit Colitis ulcerosa sogar nur bei 16 Prozent“, sagt Dr. Martina Spehlmann, Gastroenterologin und Mitarbeiterin des Forschungsprojektes. Nochmal deutlich geringer ist dieser Anteil bei zweieiigen Paaren. „Wenn davon ein Geschwisterkind einen Morbus Crohn hat, dann ist nur bei drei Prozent auch das zweite Geschwisterkind erkrankt, bei der Colitis ulcerosa gerade mal bei 1 Prozent“, berichtet Spehlmann.

Diese Ergebnisse bestätigen zum einen, dass CED einen genetischen Hintergrund haben, und dass der genetische Einfluss beim Morbus Crohn größer ist als bei der Colitis ulcerosa. Sie zeigen aber auch, dass es neben der genetischen Ausstattung weitere Faktoren gibt, die das Erkrankungsrisiko beeinflussen.

...Umwelteinflüsse wirken als Auslöser
Als solcher wurde in der Studie einmal mehr das Rauchen identifiziert. „Rauchen kann vor einer Colitis ulcerosa schützen, verdoppelt aber das Erkrankungsrisiko beim Morbus Crohn“, so Spehlmann. Eine weitere Einflussgröße ist die Zahl der Infektionen in der Vorgeschichte. „Geschwister, die öfter grippale Infekte, Infekte der oberen Luftwege, Nasen-Nebenhöhlenentzündungen, Harnwegsinfekte, Infektionen der Haut und des Herzmuskels durchgemacht hatten, waren auch öfter an CED erkrankt“, sagt Spehlmann. „Wir nehmen an, dass diese Infektionen das Immunsystem dahingehend beeinflussen, dass es irgendwann fehlerhaft reagiert und die Darmentzündungen hervorruft.“

Etwas rätselhaft mutet ein weiteres Ergebnis der Studie an. Sowohl bei den Geschwistern der eineiigen als auch der zweieiigen Zwillingspaare waren es in 70 bis 80 Prozent der Fälle die jeweils Erstgeborenen, die erkrankten. Spehlmann tippt auch hier auf einen Umwelteffekt: „Die Erstgeborenen sind in der Regel kräftiger als die Nachgeborenen. Man kann annehmen, dass damit auch ihr Immunsystem stärker ausgeprägt ist und – vielleicht durch Infektionen angeregt – leichter zu überschießender Aktivität neigt.“

Der Weg zur Heilung?
Hier mehr Klarheit zu schaffen und genetische Effekte von Umwelteinflüssen zu unterscheiden, das ist das nächste Ziel des Forschungsprojektes. Vor allem die eineiigen Zwillinge sind in dieser Hinsicht ideale Probanden, denn bei ihnen lassen sich gegebenenfalls schon minimale Unterschiede auf genetischer Ebene mit dem CED-Risiko korrelieren.

Spehlmann verweist dazu auf Studien, in denen man ein Gen untersuchte, und sich CED-Patienten und Gesunde nicht in diesem Gen selbst unterschieden, wohl aber in der Zahl der Kopien, mit denen das Gen im Erbgut vertreten war. Denkbar sei auch, dass die Gene zwar identisch sind, aber unterschiedlich abgelesen werden. Auf das Beispiel des Hausbaus übertragen hieße das, dass für zwei Objekte zwar dieselben Baupläne vorliegen, aber die Maurermeister die Pläne unterschiedlich interpretieren.

Worin auch immer die Unterschiede zwischen gesund und krank liegen mögen, Spehlmann und ihre Kollegen hoffen, mit ihren Forschungen den Ursachen und den krank machenden Prozessen bei CED ein Stück näher zu kommen. Damit wäre wahrscheinlich ein wesentlicher Schritt hin zu einer ursächlichen Therapie getan. Oder man wüsste, wie Menschen mit einer bestimmten Veranlagung für CED ihr Erkrankungsrisiko auf der Ebene der Umweltfaktoren reduzieren könnten. So wie man ein Haus, das zu nahe am Flussufer gebaut wurde, mit einem Deich vor Überschwemmungen schützen könnte.

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CED-Zwillingsforschung
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