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Medizinischer Expertenservice
Sie haben eine spezielle Frage zu Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa? Unser Experte Prof. Dr. med. Andreas Stallmach antwortet Ihnen direkt per e-mail.
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Der lange Weg in die Apotheke
„Neues Medikament erfolgreich bei Patienten mit Morbus Crohn getestet! In einer Phase-II-Studie erzielte der Wirkstoff XYZ eine signifikante Symptomlinderung auch bei schwer behandelbaren Verläufen!“

Wer sich für Gesundheitsthemen interessiert, dem fallen immer wieder solche Meldungen in der Fach- und Laienpresse auf. Vor allem bei schwer erkrankten Patienten, die sich nicht ausreichend behandelt fühlen, wecken sie viele Hoffnungen und Begehrlichkeiten. Allerdings ist für eine Substanz wie im einleitenden Beispiel – also in der Phase II der klinischen Prüfung - noch lange nicht ausreichend bewiesen, dass sie gut wirkt und gleichzeitig verträglich ist. In der Regel dauert es ab diesem Zeitpunkt noch einige Jahre, bis das Medikament dann auch zugelassen und in der Apotheke erhältlich ist.

Präklinik: Tiere halten ihren Kopf hin
Haben die Forschungsabteilungen der pharmazeutischen Unternehmen erst einmal einen Wirkstoffkandidaten für eine bestimmte Erkrankung identifiziert, wird er einer ganzen Reihe von Prüfungen unterzogen. In der so genannten präklinischen Entwicklung wird im Reagenzglas, an Zellkulturen und in Tierexperimenten untersucht,
  • wie sich der Wirkstoff in lebenden Systemen verhält,
  • ob er auch schädliche Wirkungen entfaltet,
  • und ob er tatsächlich eine Krankheit heilen oder deren Symptome lindern kann.

Erweist sich der neue Wirkstoff bei diesen Prüfungen als vielversprechend, schließt sich die klinische Entwicklung an.

Klinik: Erste Tests am Menschen
In der klinischen Entwicklung erhalten Studienteilnehmer den Wirkstoff von Prüfärzten verabreicht. Meist geschieht dies in Kliniken, manchmal auch in den Praxen niedergelassener Ärzte. Die klinische Entwicklung ist in drei Phasen unterteilt:

Phase I: In dieser Phase wird der Wirkstoff an gesunden Probanden getestet. Die Wissenschaftler untersuchen dabei, wie sich der Wirkstoff im Körper verteilt, ob beziehungsweise wie er chemisch verändert, und wie er ausgeschieden wird. Auf Grundlage dieser Ergebnisse entwickeln Pharmazeuten dann die Darreichungsform des Wirkstoffs, er wird zum richtigen Medikament. Im Falle von Mesalazin sind das beispielsweise Tabletten, Mikropellets, Zäpfchen, Einläufe oder ein Rektalschaum. Weiter erhalten die Prüfer in diesem Stadium der klinischen Entwicklung konkretere Hinweise zur Verträglichkeit des Wirkstoffs beim Menschen. Die Zahl der Probanden in den Studien beträgt zwischen einigen wenigen bis etwa 80. Sie erhalten für ihre Teilnahme eine Aufwandsentschädigung.

Phase II: Nun werden erstmals Patienten mit dem neuen Medikament behandelt. Dabei zeigt sich, ob es auch die erhofften therapeutischen Wirkungen hat, beziehungsweise bei welcher Dosierung sie erreicht werden. Darüber hinaus werden weiterhin etwaige Nebenwirkungen dokumentiert. Die Zahl der Teilnehmer an Phase-II-Studien beträgt in der Regel zwischen 80 und 500.

Phase III: Hat das neue Medikament die Phase II mit positiven Ergebnissen abgeschlossen, muss sein Nutzen-Risiko-Profil an einem großen Patientenkollektiv geprüft werden. Die Zahl der Teilnehmer kann durchaus mehrere Tausend betragen. Nur so lässt sich zeigen, dass das Medikament bei großen und kleinen, dicken und dünnen, jungen und alten und genetisch unterschiedlichen Menschen wirkt und verträglich ist. Phase-III-Studien sind außerdem die Grundlage für den Zulassungsantrag, den der Arzneimittelhersteller bei der Zulassungsbehörde stellt. Deren Sachverständige prüfen dann, ob das Medikament auf Grund der vorliegenden Studiendaten zugelassen wird und in den Verkehr gebracht werden darf.

Phase IV: Auch nach der Zulassung sammeln Hersteller und Zulassungsbehörden Daten zum Medikament. Dies geschieht beispielsweise im Rahmen von Phase-IV-Studien, die auch Anwendungsbeobachtungen genannt werden. Hier erfolgt die Datenerhebung unter den in der Zulassung formulierten Bedingungen, wie sie auch dem Beipackzettel zu entnehmen sind. Manchmal verpflichtet die Zulassungsbehörde einen Hersteller sogar, derartige Studien durchzuführen, zum Beispiel wenn – wie bei selteneren Erkrankungen oft nicht anders möglich - die Zulassung auf Grund von Studien mit geringer Patientenzahl erfolgte.

Ethisch, medizinisch und rechtlich o.k.?
Studien zur klinischen Entwicklung unterliegen strengen Vorschriften hinsichtlich ihrer Durchführung. Sie müssen daher von den zuständigen Behörden und so genannten Ehtikkommissionen genehmigt werden. Letztere erörtern, ob eine beantragte Studie aus ethischer, medizinischer und rechtlicher Sicht vertretbar ist. Darüber hinaus wird die Ethik-Kommission während der Studie über Änderungen in der Studiendurchführung und Nebenwirkungen oder unerwartete Ereignisse informiert.

Jeder potenzielle Studienteilnehmer muss vorab über den geplanten Studienablauf und mögliche Risiken informiert werden. Nimmt er dann teil, muss er sein schriftliches Einverständnis geben. Man spricht auch von einem informed consent.

Weiter ist nach dem deutschen Arzneimittelgesetz eine Patientenversicherung für Studienteilnemer vorgeschrieben. Sie deckt etwaige gesundheitliche Schädigungen durch die Studienteilnahme ab.

15 Jahre, 500 Millionen €
Zurück zu der Pressemitteilung aus der Einleitung. Die positiven Ergebnisse für das Medikament XYZ in der Phase-II-Studie mögen also ermutigend sein für den Arzneimittelhersteller und seine Prüfärzte – Patienten werden davon noch lange nicht profitieren können. Bis das Medikament auch zugelassen ist, vergehen nämlich in der Regel noch fünf lange und arbeitsreiche Jahre. Und dabei ist noch nicht einmal sicher, dass das Medikament auch tatsächlich zugelassen wird.

Nach Schätzungen des Verbandes der forschenden Arzneimittelhersteller, kommen von 5.000 bis 10.000 Testsubstanzen aus den Forschungslaboren gerade mal fünf in die Phase I der klinischen Entwicklung. Von denen schafft es wiederum nur eins bis zur Marktzulassung. Insgesamt sind bis dahin meist zehn bis 15 Jahre vergangen und 500 Millionen € investiert worden. Es lohnt sich also, auch angesichts euphorischer Pressemitteilungen einen kühlen Kopf zu bewahren.

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Randomisiert, kontrolliert... - Studiendesigns
Wie eine Studie aufgebaut ist, entscheidet wesentlich darüber, wie aussagekräftig die erzielten Ergebnisse sind. Die wichtigsten Begriffe zum Studiendesign sind:

Plazebo-kontrolliert: Der zu testende Wirkstoff wird mit einem Scheinmedikament ohne Wirkstoff (Plazebo) verglichen. Dazu erhält ein Teil der Patienten das Medikament, der andere das Plazebo.

Aktiv kontrolliert: Der zu testende Wirkstoff wird gegen ein etabliertes Medikament verglichen.

Randomisiert: Die Entscheidung, welcher Studienteilnehmer welche Therapie erhält, erfolgt nach dem Zufallsprinzip.

Einfach-blind: Der Studienteilnehmer weiß nicht, ob er das zu testende Medikament oder das Vergleichsmedikament bzw. Plazebo erhält.

Doppel-blind: Weder der behandelnde Arzt noch der Studienteilnehmer wissen, ob der Studienteilnehmer den zu testenden Wirkstoff oder das Vergleichsmedikament bzw. Plazebo erhält.

Dreifach-blind: Weder der behandelnde Arzt, noch der Studienteilnehmer, noch der Datenauswerter wissen, ob der Studienteilnehmer den zu testenden Wirkstoff oder das Vergleichsmedikament bzw. Plazebo erhält bzw. erhalten hat.

Cross-over: Die Teilnehmer erhalten – zeitlich getrennt – sowohl den zu testenden Wirkstoff als auch das Vergleichsmedikament bzw. Plazebo.

Monozentrisch: Die Studie wird an einer einzigen Institution durchgeführt.

Multizentrisch: Die Studie wird an mehreren Institutionen, ggf. auch international durchgeführt.

Prospektiv: Das Studiendesign wurde vor Beginn der Behandlung angelegt. Die Behandlungsdaten werden anschließend erhoben.

Retrospektiv: Ein Studiendesign wird auf bereits vorhandene Behandlungsdaten übertragen.

Am aussagekräftigsten gelten jene Studien, die
- prospektiv und multizentrisch angelegt sind,
- bei denen der Testwirkstoff gegen Plazebo oder gegen ein etabliertes Vergleichsmedikament geprüft wird,
- und bei denen die Zuteilung der Studienteilnehmer zu den Behandlungsgruppen randomisiert und veblindet erfolgte.

Allerdings sind auch die Daten derartiger Studien nicht immer auf den Praxisalltag und den einzelnen Patienten übertragbar. Neben Studienergebnissen entscheidet daher auch die Erfahrung des behandelnden Arztes wesentlich über die Qualität einer Behandlung.
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