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Die Entdeckung des Dünndarms
05.12.05 - Endlich keine Darmspiegelungen mehr! Das ist es wohl, was viele CED-Patienten dachten, als vor rund fünf Jahren die Kapselendoskopie eingeführt wurde. Doch weit gefehlt. Wie jedes andere diagnostische Verfahren hat auch sie ihre Einschränkungen.

Zu lang, zu krumm, zu schmal im Durchmesser – das sind im Wesentlichen die Gründe, derentwegen der Dünndarm lange Zeit ein wenig bekanntes Terrain für Gastroenterologen war. Mit Endoskopen lassen sich nur die ersten beziehungsweise letzten Zentimeter des Zwölffingerdarms (Duodenum) und des Krummdarms (Ileum) einsehen, radiologische Verfahren wie das Röntgen und die Computer- oder die Kernspintomografie erlauben nur einen indirekten Blick auf die Verhältnisse in diesem etwa vier bis fünf Meter langen Abschnitt des Verdauungstrakts. Bei Blutungen oder Bauchbeschwerden, deren Herkunft sich mit diesen Methoden nicht abklären ließ, blieb daher stets eine gewisse Unsicherheit: Möglicherweise ist da ja doch irgendwas im Dünndarm nicht in Ordnung. Entsprechend euphorisch wurde vor allem in den Publikumsmedien die Einführung der Kapselendoskopie gefeiert.

Bei diesem Verfahren schluckt der Patient eine Kapsel – kaum größer als eine Vitaminpille – die in ihrem Inneren ein winziges Aufnahmestudio, einschließlich Beleuchtung enthält. Eine Minikamera schießt während der Passage durch den Verdauungstrakt in jeder Sekunde zwei Bilder und übermittelt sie kabellos an eine Speicherplatte, die bequem am Körper getragen werden kann. Dieses Gerät zeichnet so über ca. 8 Stunden einen Film mit rund 60.000 Bildern auf, der anschließend am Computer betrachtet werden kann. Damit haben Gastroenterologen erstmals ein Verfahren an der Hand, das ohne chirurgischen Eingriff einen direkten Blick auf die Schleimhaut des Dünndarms gestattet.

Anfangs dürften sich die Ärzte wie die Mitarbeiter einer Weltraumbehörde gefühlt haben, die von einer unbemannten Sonde Aufnahmen eines bislang fremden Planeten erhalten. Sie sahen Bilder in teilweise bestechender Qualität, entdeckten verborgene Blutungsquellen oder Schleimhautveränderungen, und manchmal gerieten ihnen auch Darmparasiten vor die Linse.

Tatsächlich lassen sich mit der Kapselendoskopie Befunde erheben, die mit anderen Methoden nicht nachweisbar sind. Besonders bei unklaren Blutungen bei Morbus Crohn konnte dies mittlerweile auch in wissenschaftlichen Studien gezeigt werden. Darüber hinaus ist die Kapselendoskopie eine schmerzlose Untersuchung und kann auch bei ambulanten Patienten angewandt werden. Dennoch hat auch dieses Verfahren gewisse Einschränkungen und Nachteile.

Zum einen lässt sich die Kamerapille nicht steuern. Vor allem im relativ voluminösen Dickdarm kann sie ungünstige Positionen einnehmen und dabei Abschnitte der Darmschleimhaut „übersehen“. Zum anderen kann man keine Gewebeproben (Biopsien) nehmen. Und schließlich sieht die Kamera – anders als etwa die Kernspintomografie – natürlich nicht, was hinter der Schleimhaut liegt, beispielsweise Abszesse. Vor allem im Falle eines Morbus Crohn entsteht ein weiterer Nachteil durch die Erkrankung selbst. Denn gar nicht so selten kommt es bei dieser chronischen Darmentzündung zu Engstellen (Stenosen), in denen die Kapsel steckenbleiben kann. Solche Komplikationen sind bereits aufgetreten und mussten durch endoskopische oder gar chirurgische Eingriffe behoben werden. Kandidaten für die Untersuchung müssen daher vorab auf das Vorliegen von Stenosen untersucht werden. Darüber hinaus sind derzeit Patienten mit Schluckstörungen, Herzschrittmachern und Kinder unter neun Jahren von der Untersuchung ausgeschlossen.

Aus diesen Gründen wird die Kapselendoskopie vorläufig weder die konventionelle Endoskopie noch die radiologischen Verfahren verdrängen, und als Patient wird man sich auch weiterhin den Darmspiegelungen unterziehen müssen. Allerdings kann die Kamerapille in unklaren Situationen, besonders wenn Blutungen im Dünndarm vermutet werden mehr Sicherheit in die Diagnose und die anschließende Therapie bringen. Und manch ein Patient, der vorher erfolglos von Arzt zu Arzt lief, muss sich nicht mehr länger als Simulant abqualifizieren lassen.
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Blick in den Dünndarm. Das austretende Blut ist klar zu erkennen.



Mögliche Einsatzgebiete der Kapselendoskopie
Unklare Blutungen im Dünndarm, z.B. bei
Morbus Crohn,
Zöliakie/Sprue (eine Unverträglichkeit gegenüber dem Getreideprotein Gluten),
Polyposis (Bildung von Krebsvorstufen im Darm),
Überwachung nach Dünndarmtransplantation,
unklaren Bauchbeschwerden.

Verdacht auf Morbus Crohn: Was leistet die Untersuchung?
Nach den bisher vorliegenden Daten lassen sich mit der Kapselendoskopie Dünndarmläsionen in 43 bis 71 Prozent jener Fälle nachweisen, in denen konventionelle Untersuchungsmethoden keinen Befund erbrachten. In drei Studien führte dies auch zu Änderungen in der Therapie, in zwei sogar zu einer Verbesserung der Beschwerden bei fast allen Patienten. Allerdings ist die Zahl der Studien zu diesem Thema begrenzt und die Zahl der teilnehmenden Patienten jeweils sehr gering. Es ist daher unklar, inwieweit diese Ergebnisse auf die Masse der Patienten übertragen werden können.

Quelle: National Institute for Clinical Excellence, United Kingdom, Dez. 2004
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