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CED und weibliche Sexualität
25.03.10 - Chronisch entzündliche Darmerkrankungen rühren an einer Tabuzone, dem Unterleib. Betroffene scheinen daher keine guten Voraussetzungen für ein erfülltes Sexualleben zu haben. Ob dem auch tatsächlich so ist, hat eine deutsche Arbeitsgruppe untersucht – und ist dabei auf einige überraschende Ergebnisse gestoßen.

Körperliche Nähe und Sexualität können für Patienten mit Morbus Crohn und Colitis ulcerosa zu einem heiklen Thema werden. Vielen Betroffenen ist es peinlich, wenn sich ihr Darm mit Geräuschen, Blähungen und Durchfall bemerkbar macht. Andere fühlen sich vielleicht unattraktiv, etwa weil sie nach einem chirurgischen Eingriff Narben haben oder einen künstlichen Ausgang, oder weil ihr Körper durch eine lange Kortisontherapie aufgeschwemmt ist. Schmerzen und Abgeschlagenheit tun dann ein Übriges, um die richtige Rotlicht-Stimmung erst gar nicht aufkommen zu lassen.

Tatsächlich gaben in einer Befragung im Jahr 1992 24 Prozent der Frauen mit Morbus Crohn an, sexuell nicht aktiv zu sein. Zum Vergleich: Bei Frauen ohne chronische Erkrankungen waren es nur 4 Prozent. Aus der Befragung ging jedoch nicht hervor, welche Umstände die Frauen vom Sex abhielten. Eine deutsche Arbeitsgruppe legte daher eine neue Studie auf, in der die Forscher gezielt nach krankheitsspezifischen Einflüssen auf das Sexualleben suchten.

Wenig Interesse an Sex

An der neuerlichen Befragung nahmen 336 Frauen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa teil. 114 litten an einer aktiven Erkrankung, die anderen waren in einer beschwerdenfreien Phase (Remission). Damit wollten die Forscher herausfinden, ob es Unterschiede zwischen relativ schwer erkrankten Frauen und jenen gibt, die weitgehend beschwerdenfrei in ihrem alltäglichen Umfeld leben.
Die Teilnehmerinnen machten Angaben zu ihrer Erkrankung, ihrer Herkunft und ihrem Lebensstil und beantworteten Fragen zu folgenden Themenkomplexen:
  • sexuelle Fantasien und sexuelles Verlangen
  • Häufigkeit von Geschlechtsverkehr
  • sexuelle Initiative und Bereitschaft
  • Genussfähigkeit und Orgasmus
  • Zufriedenheit mit der Partnerschaft
  • spezifische sexuelle Probleme (trockene Vagina, Schmerzen beim Verkehr, Scheidenkrampf etc.)

Auch in dieser Umfrage hatten relativ viele CED-Patientinnen ein eingeschränktes Sexualleben. 17 Prozent gaben an, überhaupt keinen Sex zu haben, 63 Prozent waren selten und nur 20 Prozent sexuell mäßig bis sehr aktiv.

CED schweißen Partner zusammen

Die Patientinnen schnitten darüber hinaus in den meisten Themenkomplexen geringfügig „schlechter“ ab als Frauen aus der Allgemeinbevölkerung. Sie hatten also weniger Verlangen, ergriffen seltener die Initiative usw. Unter den spezifischen sexuellen Problemen stachen vor allem eine mangelhafte Lubrikation (trockene Vagina) und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr hervor.

Was für die Patientinnen gegenüber der Allgemeinbevölkerung galt, spiegelte sich auch im Vergleich der beiden Patientengruppen untereinander: Frauen mit aktiver Erkrankung waren in ihrer Sexualität stärker eingeschränkt als jene in Remission. Umso überraschter waren die Forscher, dass aktiv erkrankte Frauen mit ihrer Partnerschaft zufriedener waren als Frauen in Remission und aus der Allgemeinbevölkerung.

Eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen findet sich in einigen Freitextkommentaren auf den Antwortbögen. Sie deuten darauf hin, dass sich die Partner einander enger verbunden fühlen, wenn sie die Probleme mit der Erkrankung gemeinsam bewältigen. Wie wichtig die Unterstützung seitens des Partners ist, geht auch aus anderen Untersuchungen hervor.

Depressionen als Lustbremse

Eine weitere Überraschung erlebten die Forscher bei der Suche nach CED-spezifischen Einflüssen auf die Sexualität: Sie fanden keine. Vielmehr zeigte sich, dass in erster Linie psychosoziale Faktoren das Sexualleben beeinträchtigten, allen voran depressive Verstimmungen. Dieser Zusammenhang ist aber nicht auf Patientinnen mit CED beschränkt. Denn Depressionen vergällen allen Menschen die Freude am Sex.

Quelle: Timmer et al. Determinants of Female Sexual Function in Inflammatory Bowel Disease : a Survey Based Cross-sectional Analysis. BMC Gastroenterology 2008, 8:45
Kommentar

Timmer et al. haben Frauen mit CED nach ihrem Sexualleben befragt. Dies ist an sich schon eine gute Nachricht. Denn über viele Jahre hinweg wurde dieses Thema lediglich von der technischen Seite beleuchtet. Man untersuchte etwa, wie sich die anatomischen Verhältnisse oder die Nervenfunktion im Unterleib nach Operationen veränderte. Wie es den Frauen damit ging, blieb außen vor.

Die zweite gute Nachricht: Timmer et al. fanden keine CED-spezifischen Krankheitsmerkmale und -folgen, die das Sexualleben beeinträchtigten. Das mag angesichts des hohen Anteils an Patientinnen mit schwerem Krankheitsverlauf, Operationen und Kortisontherapie erstaunen. Allerdings war die Zahl der Befragten auch nicht gerade üppig. Manche Zusammenhänge wurden möglicherweise auf Grund der geringen Stichprobengröße nicht gefunden. Darüber hinaus wird in Studien immer mit Durchschnittswerten gearbeitet. Im Einzelfall kann sich auch ein anderes Bild ergeben.

Abgesehen davon gibt es wahrscheinlich kaum einen Lebensbereich, in dem Menschen so unterschiedlich fühlen wie in der Sexualität. Was für den einen todlangweilig ist, ist für den anderen der absolute Aufreger. Wenn manche Menschen seltener Sex haben als andere, dann hat das daher nicht automatisch einen Krankheitswert.

Wer aber darunter leidet, der sollte versuchen, seinen Arzt darauf anzusprechen. Gemeinsam lassen sich dann mögliche Ursachen und Möglichkeiten der Abhilfe besser einschätzen. Der Studie zufolge scheinen sich am ehesten depressive Stimmungen auf die Sexualität auszuwirken. Und das ist die dritte gute Nachricht: In vielen Fällen könnten bereits antidepressive Behandlungsansätze ausreichen, um das Sexualleben zu verbessern.
  sehr gut gut geht so schlecht
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CED und männliche Sexualität
Den zweiten Teil dieser Serie lesen Sie hier.
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