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Toleranzprogramm fürs Immunsystem
29.01.12 - Eine neue Behandlung für chronisch entzündliche Darmerkrankungen ist derzeit in der klinischen Erprobung: die orale Gabe von Eiern des Schweinebandwurms Trichuris suis. Mit dieser Maßnahme versuchen Ärzte, dem überaktiven Immunsystem der Patienten mehr Toleranz gegenüber harmlosen Darminhalten beizubringen. Erste kleinere Studien verliefen bereits vielversprechend. Für eine derzeit laufende werden noch Teilnehmer gesucht.

Die Eier des Schweinebandwurms als Medikament einnehmen? Das klingt zunächst etwas merkwürdig. Denn gemeinhin stehen Darmparasiten ja für Bauchbeschwerden und Durchfall, und davon haben CED-Patienten eigentlich genug. Die Verwirrung löst sich erst, wenn man sich die immunologischen Prozesse im Verdauungstrakt näher anschaut.

Das menschliche Abwehrsystem kommt dort permanent mit körperfremden Substanzen in Kontakt. Bei CED-Patienten ist es aber nicht in der Lage, zwischen harmlosen und bedrohlichen körperfremden Substanzen zu unterscheiden. Es bekämpft nützliche Darmbakterien und eventuell auch Nahrungsbestandteile als ob es Krankheitserreger wären. Dieser Dauereinsatz führt dann zur chronischen Entzündung.

Zuviel Meister Proper?

Warum aber reagiert das Immunsystem von CED-Patienten so anders als das von Gesunden? Diese Frage können Forscher bislang nicht beantworten. Es gibt jedoch Erklärungsmodelle.

Nach der so genannten Hygiene-Hypothese spielen die hygienischen Verhältnisse eine Rolle, unter denen Menschen aufwachsen. Demnach hat das Immunsystem in den keimarmen Haushalten westlicher Industrienationen nicht ausreichend Gelegenheit, eine Toleranz gegenüber harmlosen Substanzen im Darm zu entwickeln. Dabei könnte sich vor allem das Ausbleiben von Infektionen mit Würmern negativ auswirken.

Diese Parasiten beeinflussen immunologische Reaktionen im Darm auf vielerlei Weise – offenbar auch dahingehend, dass eine überschießende Aktivität eingedämmt wird. Zumindest konnten Forscher zeigen, dass sich CED bei Tieren bessern, wenn man bestimmte Würmer in ihren Verdauungstrakt einbringt. Auch erste Studien mit Patienten verliefen positiv.

Erste positive Ergebnisse in klinischen Studien

Für diese Tests wählten Forscher den Schweinebandwurm Trichuris suis aus. Er entfaltet beim Menschen im Regelfall keine krankmachenden Wirkungen und wird auch nicht übertragen. In den Verdauungstrakt gelangt er, indem die Probanden eine Suspension mit Eiern trinken (TSO für Trichuris suis ova). Sie entwickeln sich zunächst zu Larven, später dann zu erwachsenen Würmern. Letztere werden dann ausgeschieden, eine dauerhafte Besiedelung des Darms findet nach derzeitigen Erkenntnissen nicht statt.

In einer ersten Studie [1] nahmen 29 Patienten mit aktivem Morbus Crohn alle drei Wochen 2.500 Eier über einen Zeitraum von 24 Wochen zu sich. Zum Studienende hatten sich die Symptome bei 23 Patienten verbessert (79 %), 21 Patienten (72 %) waren in Remission.

In einer weiteren Studie [2] erhielten 54 Colitis-ulcerosa-Patienten entweder Wurmeier oder eine Scheinbehandlung (Placebo). Dabei war die Behandlung mit den Eiern der Scheinbehandlung überlegen. In der TSO-behandelten Gruppe ging es nach zwölf Wochen 13 von 30 Patienten besser (43 %), während dies in der Gruppe mit Scheinbehandlung nur bei 4 von 24 (17 %) der Fall war.

In beiden Studien wurde die Therapie gut vertragen. Den Autoren zufolge scheint sie damit sicher und wirksam zu sein. Allerdings gibt es auch vorsichtigere Stimmen.

Wichtige Fragen sind noch ungeklärt [3]

Zunächst einmal sind natürlich beide Studien relativ klein. Eine Übertragung der Ergebnisse auf das Gros der Patienten ist nicht ohne weiteres möglich. Weiter wird moniert, dass bislang nicht eindeutig geklärt ist, in welcher Weise Trichuris suis das menschliche Immunsystem beeinflusst. Unklar ist auch, ob es Umstände gibt, unter denen Trichuris suis vielleicht doch den menschlichen Darm besiedelt.

Die Studie mit Colitis-Patienten trifft darüber hinaus auch methodische Kritik. Demnach ist die Zuverlässigkeit des verwendeten Index‘ für die Krankheitsaktivität nicht belegt; zudem seien die beiden Studiengruppen hinsichtlich der Krankheitsausdehnung nicht ganz vergleichbar – zum Nachteil für die Placebogruppe. Und schließlich waren auch die Effekte der Wurmbehandlung nicht so überzeugend.

Es muss einen daher auch nicht wundern, dass nun eine Studie läuft, in der die Wirkung der Eier bei Patienten mit Morbus Crohn weiter untersucht wird. Teilnehmen können Patienten
mit aktivem, leichtem bis mäßiggradigem Morbus Crohn,
  • die zwischen 18 und 75 Jahre alt sind,
  • die erhöhte Entzündungsmarker im Blut oder Stuhl aufweisen, und
  • die nicht dauernd Steroide oder Immunsuppressiva zur Kontrolle der Krankheitsaktivität benötigen.

Prüfzentren sind über ganz Deutschland verteilt, eine Liste ist auf der Website der Deutschen Crohn- und Colitis-Vereinigung DCCV einzusehen.

Quellen
1. Summers RW et al. Gut 2005;54:87–90.
2. Summers RW et al. Gastroenterology 2005;128:825-832
3. Mayer L. Gut 2005(April):1117-1119

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