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Deeskalation im Immunsystem
Es gibt vermutlich nicht sehr viele Wirkstoffe, die ihren Entdeckern einen Nobelpreis bescherten. Azathioprin gehört dazu. Es wurde in den 1950er Jahren entwickelt, um die Organabstoßung nach Transplantationen zu vermeiden. Später erwies sich die Substanz auch in der Therapie chronisch entzündlicher Darmerkrankungen (CED) als gut wirksam und verträglich. Seither ist Azathioprin eine Hoffnung für jene Patienten, deren Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa mit Steroiden allein nicht zufriedenstellend behandelt werden kann. Um zu verstehen, wie es wirkt, bietet sich ein Besuch im „Kopfkino“ an.

Ort der Handlung ist eine Disco, in der eine lokale Gang den Ton angibt. Am Eingang sind ein paar Türsteher postiert. Es ist Partytime und vor der Tür drängen sich die Discogänger – nicht immer zur Freude der Türsteher. Hin und wieder schnappen sie sich scheinbar wahllos einen aus der Menge und zerren ihn in die Garderobe. Dort warten andere Gangmitglieder und nehmen den Unglücklichen so richtig in die Mangel. Einstweilen bringen die Türsteher weitere unliebsame Gäste in die Garderobe. Der Lärm lockt immer mehr Gangmitglieder herbei und das Ganze endet in einer heillosen Schlägerei, während der allerhand zu Bruch geht.

Übertragen auf CED sieht das Szenario folgendermaßen aus. Ort der Handlung ist jetzt die Darmschleimhaut, in der - als Gangmitglieder - die so genannten T-Zellen des Immunsystems sitzen. Als Türsteher fungieren die Antigen-präsentierenden Zellen, als Discogänger Bestandteile von Darmbakterien oder körperfremde Substanzen aus dem Nahrungsbrei - die Antigene. Die Antigen-präsentierenden Zellen nehmen Antigene aus dem Darminneren auf und reichen sie weiter an die T-Zellen. Letztere vermehren sich auf das Signal hin massiv und rufen durch ihre Aktivität die chronischen Entzündungen hervor.

Einschub: Diese so genannte T-Zell-Aktivierung findet auch bei gesunden Menschen statt und ist lebenswichtig, um krankmachende Antigene zu beseitigen. Der Unterschied zwischen Gesunden und CED-Patienten scheint darin zu bestehen, dass bei den Patienten die T-Zellen aktiviert werden, unabhängig davon, ob das Antigen nun wirklich eine krankmachende Bedeutung für den Organismus hat. Dem Immunsystem der Patienten fehlt also die Fähigkeit, die Immunantwort abzustufen. Doch zurück zu unserem „Kopfkino“.

Wieder ist Partytime und wieder schnappen sich die Türsteher der Gang Discogänger und zerren sie in die Garderobe. Diesmal aber kommt noch ein Sozialarbeiter hinzu. Er beruhigt die Gemüter und verhindert, dass sich die Situation aufschaukelt.

Dem Sozialarbeiter entspricht im CED-Szenario das Azathioprin. Der Wirkstoff – genauer sein Abbauprodukt 6-Thioguanin – verhindert, dass sich die T-Zellen nach dem Kontakt mit den Antigen-präsentierenden Zellen vermehren und die überschießende Immunantwort bleibt aus.

Gar keine oder weniger Steroide
Bei akuten Schüben einer CED sehen die Behandlungsleitlinien der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselstörungen zunächst eine Therapie mit Mesalazin und/oder Kortison-Präparaten (Steroiden) vor. Steroide rufen jedoch häufig schwer wiegende Nebenwirkungen hervor, sodass man heute zunehmend davon abrät, diese Wirkstoffe in höheren Dosierungen und über einen längeren Zeitraum einzusetzen. Wenn Patienten nicht ausreichend auf Steroide ansprechen, unter einer Verringerung der Dosis immer wieder erkranken (chronisch aktiver Verlauf) oder nur mit Hilfe von Steroiden beschwerdenfrei (Remission) bleiben, werden Ärzte daher zu anderen Mitteln greifen. Azathioprin hat sich hier als Mittel der ersten Wahl etabliert.

Unter Azathioprin gelangen etwa drei von vier Patienten in Remission. Zudem haben Studien gezeigt, dass sich diese Remission bei vielen Patienten über viele Jahre aufrecht erhalten lässt, ohne dass zusätzlich Steroide eingenommen werden müssen. Wo sie trotz Azathioprinbehandlung nötig werden, reichen in fast allen Fällen geringere Steroiddosen aus. Dies ist vor allem bei Kindern und Jugendlichen wichtig, da sich steroidbedingte Wachstums- und Entwicklungsstörungen so vermeiden oder reduzieren lassen. Eine Voraussetzung für den Behandlungserfolg ist jedoch, dass das Medikament ausreichend lange, konsequent und in ausreichend hoher Dosierung eingenommen wird.

Heilung der Darmschleimhaut
Ein weiteres Merkmal von Azathioprin ist, dass es offenbar weit mehr als Steroide die Heilung der Darmschleimhaut fördert. Dies zeigt eine Studie mit Morbus-Crohn-Patienten, in der das Kolon und das Ileum vor und während der Behandlung mit Azathioprin endoskopisch untersucht wurden . Im Verlauf der Therapie verschwanden Schleimhautschäden im Kolon bei 70 Prozent der Patienten vollständig , bei weiteren 25 Prozent hatten sie sich deutlich gebessert. Im Ileum wurden entsprechende Befunde bei 54 beziehungsweise 15 Prozent festgestellt.
Da einem klinischen Rückfall immer eine erneute Entzündung der Schleimhaut vorausgeht, ist die Abheilung der Mukosa wahrscheinlich die Voraussetzung für die anhaltende Wirksamkeit von Azathioprin. So zeigt die klinische Praxis, dass chirurgische Eingriffe bei geheilter Schleimhaut vermieden oder auf kleinere Bereiche beschränkt werden können, so die Autoren der Studie.

Nebenwirkungen
Unerwünschte Wirkungen von Azathioprin treten vor allem zu Beginn der Behandlung auf und betreffen meist den Verdauungstrakt. Viele dieser Beschwerden verschwinden nach wenigen Tagen oder Wochen wieder von selbst. Andere Nebenwirkungen, wie eine Verminderung der weißen Blutkörperchen (Leukopenie), stehen in engem Zusammenhang mit der erwünschten Hemmung der Immunabwehr. So lange eine Leukopenie nicht übermäßig stark ausgeprägt ist, kann sie daher als Zeichen gewertet werden, dass das Medikament wirkt. Der Arzt wird besonders zu Beginn einer Behandlung mit Azathioprin das Blutbild regelmäßig kontrollieren und gegebenenfalls die Azathioprin-Dosis - zumindest vorübergehend - vermindern.

Wenn Patienten auf Azathioprin überempfindlich reagieren, wird der Arzt das Medikament absetzen und nach anderen Therapieoptionen suchen. Grundsätzlich verschwinden Nebenwirkungen nach einer Verminderung der Dosis, beziehungsweise wenn das Medikament abgesetzt wird wieder.

Azathioprin wird bei Patienten mit verschiedenen Erkrankungen seit über 40 Jahren eingesetzt und ist Gegenstand von über 11.000 medizinisch-wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Die Wirkungen und Nebenwirkungen, der Nutzen und die Risiken sind daher genau bekannt, sodass seine Anwendung als sicher gelten kann. Wenn Sie dazu weitere Fragen haben, können Sie gerne die kostenlose Info-Broschüre für Patienten bestellen oder sich an den Expertenservice, hier auf dieser Website wenden. Professor Stallmach wird Ihnen gerne antworten.

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Steckbrief Azathioprin

Wirkeintritt: Meist nach zwei bis drei Monaten, manchmal auch später. In der Zwischenzeit müssen andere verordnete Medikamente unbedingt weiter eingenommen werden.

Schwangerschaft: Kein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten oder Missbildungen, wenn Frauen Azathioprin einnehmen. Männer sollten es drei Monate vor einer geplanten Konzeption absetzen. Siehe auch Beitrag Schwangerschaft.

Dauer der Behandlung: Empfohlen werden mindestens drei bis fünf Jahre. Einige Studien zeigen, dass auch bei längerer Einnahme im Vergleich zu Plazebo Vorteile hinsichtlich des Remissionserhalts bestehen.

Wechselwirkungen: Achtung vor allem bei gleichzeitiger Einnahme von Allopurinol-haltigen Medikamenten. Sulfasalazin, Olsalazin und Mesalazin können die Wirksamkeit und das Leukopenie-Risiko beeinflussen. Arzt oder Apotheker konsultieren!

Impfungen: Keine Impfung mit Lebendimpfstoffen. Siehe auch Beitrag Impfen.

Infektionsrisiko: Geringfügig erhöht

Krebsrisiko: Nach der derzeitigen Datenlage kein erhöhtes Krebsrisiko im Rahmen der bei CED üblichen Dosierung und Anwendungsdauer. Sonnenbrände trotzdem vermeiden.
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