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Perspektivwechsel – die Mutter
„Als wir im Spätherbst vergangenen Jahres erfuhren, dass Stefan an einer schweren Colitis ulcerosa leidet, stritten sich zwei Seelen in meiner Brust: Einerseits war ich erleichtert, dass die Krankheit endlich einen Namen hatte und sich somit konkrete Behandlungsmöglichkeiten boten, andererseits war ich tief erschrocken und fragte mich, wie es mein Sohn verkraften würde chronisch krank zu sein.“
Knapp ein Jahr, nachdem bei ihrem Sohn die ersten Symptome aufgetreten waren, erinnert sich Ulrike Zimmermann an eine Zeit voller Ängste und Sorgen. Stefan magerte damals extrem ab, wurde immer schwächer und konnte manchmal selbst die leichtesten Arbeiten nicht mehr durchführen. „Ich musste hilflos zusehen, wie mein Sohn allmählich verfiel“, schildert sie ihre Ausweglosigkeit. Und sie machte sich auch selbst Vorwürfe als Mutter. „Ich bin immer arbeiten gegangen, hatte manchmal viel zu wenig Zeit für meinen Sohn, wollte als studierte Pädagogin bei der Erziehung alles richtig machen und habe oft daneben gelegen. In einer solchen Situation möchte man die Zeit einfach zurückdrehen, den kleinen Jungen in die Arme nehmen und alle Fehler wieder gut machen.“ Weichenstellung Nach der Diagnose informierte sich Ulrike Zimmermann umfassend über die Erkrankung. Sie las Fachliteratur und erkundigte sich im Internet und es stand für sie außer Frage, dass Stefan besondere Zuwendung brauchte. „Ich habe die Schwere der Erkrankung niemals angezweifelt. Es ergab sich dann fast zwangsläufig, dass ich als Mutter zu seiner wichtigsten Kontaktperson wurde.“ Zusammen überlegten sie lange, wie es nach der Diagnose weiter gehen sollte. Nach einer abgeschlossenen kaufmännischen Lehre und dem Erwerb der Fachhochschulreife mussten die Weichen für die Zukunft gestellt werden. "Körperliche Arbeit schied aufgrund des gesundheitlichen Zustandes von vornherein aus", sagt Ulrike Zimmermann. Aber schon seit längerer Zeit hatte Stefan den Wunsch, beruflich im sozialen Bereich zu arbeiten und er bewarb sich für ein Studium 'Sozialarbeit' an mehreren Fachhochschulen. „Ich werde nie vergessen, als ich ihm die Zulassung zum Studium ans Bett in die Tübinger Uniklinik brachte und wie uns allen ein Stein vom Herzen fiel.“ Noch während Stefan in der Klinik lag, besorgte Ulrike Zimmermann einen Wohnheimplatz und leitete alles für die Immatrikulation in die Wege. „Einen Tag vor der Einschreibung konnte er aus der Klinik entlassen werden“, erzählt sie. „Noch schwach, aber glücklich, sind wir zusammen nach Frankfurt an die FH gefahren. Am Abend war er zwar total erschöpft, aber von da an ging es merklich aufwärts.“ Positive Seiten Heute sieht Ulrike Zimmermann auch Positives durch den Umgang mit der Erkrankung. „Mir wurde klar, dass im Leben eigentlich nur sehr wenige Dinge wirklich etwas bedeuten. In der akuten Phase der Erkrankung drehte sich alles um Stefan.“ Auch im persönlichen Umfeld machte sie angenehme Erfahrungen. „Mein Mann – er ist nicht der Vater meines Sohnes - nahm sich damals sehr zurück und hielt mir den Rücken frei“, sagt sie. „Selbst die Arbeitskollegen unterstützten mich, wenn ich unvorhergesehen schnell in die Klinik musste oder manchmal einen Termin absagen musste. Ich habe dabei erkannt, dass Offenheit manchmal der beste Weg ist, um auf Verständnis zu hoffen.“ Und schließlich stellte Ulrike Zimmermann auch bei ihrem Sohn eine positive Entwicklung fest. „Stefan hat seine Einstellung zum Leben grundlegend gewandelt. Er ist reifer geworden und geht verantwortungsbewusster mit seinem Leben um. Es ist mir nicht leicht gefallen, ihn allein in Frankfurt zu wissen. Aber er weiß heute selbst, was ihm gut tut und was nicht.“ So hat Stefan einige „Laster“ aufgegeben, unter anderen das Rauchen. Er ernährt sich sehr bewusst mit Bioprodukten und treibt gemäßigt Sport. „Das war mir besonders wichtig, weil ich selbst nach einem schweren Unfall vor sechs Jahren nur durch gezieltes Muskeltraining wieder beschwerdefrei geworden bin. Er sieht jetzt wesentlich besser aus als im Frühjahr.“ Ausblick Alles in allem blickt Ulrike Zimmermann überwiegend zuversichtlich in die Zukunft. „Auch wenn Stefan nicht gesund ist und vermutlich nicht mehr gesund werden wird, glaube ich daran, dass er schon durch seine Disziplin und seine innere Einstellung nicht verzagen wird, auch wenn ein neuer Schub droht. Sein Leben hat durch das Studium eine neue Perspektive und ich bin mir sicher, dass gerade mein Sohn sehr einfühlsam mit den Menschen später umgehen wird, die am Rand der Gesellschaft leben und vielleicht niemanden haben, zu dem sie gehen können. Ich bin stolz darauf, dass er sich gerade einen sozialen Beruf gewählt hat und anderen helfen will. Ich glaube, dass es vor allem die Gespräche waren, die ihm Mut gemacht haben und das Wissen, er ist nicht allein.“ Eigentlich habe ich daher nur noch einen Wunsch: Er möge eine liebe und verständnisvolle Freundin finden, die ihn auf seinem Weg durch das Leben begleitet.“ |
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Ulrike Zimmermann
„Ich musste hilflos zusehen, wie mein Sohn allmählich verfiel, und ich machte mir auch selbst Vorwürfe als Mutter!" |
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