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Medizinischer Expertenservice
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Hanteltraining statt Kaffeetrinken
01.08.05 - Eine Rollstuhlfahrerin mit Morbus Crohn versucht, nach vielen Rückschlägen wieder Anschluss an die europäische Elite im Leistungssport zu gewinnen

„Augen zu und durch!“ Das ist das Motto, nach dem Kerstin Abele seit 17 Jahren lebt - seit sie nach einem Fahrradunfall querschnittgelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen ist. Was macht man in so einer Situation, in der nichts mehr ist, wie es mal war und sämtliche Lebenspläne zum Scheitern verurteilt scheinen? Kerstin Abele widmete sich dem Leistungssport und hat zahlreiche nationale und internationale Titel im Rennrollstuhl- und Handbikefahren gewonnen. Dass sie nun auch noch an einem Morbus Crohn erkrankt ist, hat sie gebremst – aufhalten ließ sie sich davon nicht.

Kerstin’s Sportlerkarriere beginnt im Herbst 1990 in der Fußgängerzone von Aalen. „Damals sprach mich ein anderer Rollstuhlfahrer an und versuchte mich für den Sport zu begeistern.“ Zu diesem Zeitpunkt ist die junge Frau bereits zwei Jahre gelähmt und hat absolut keine Lust zu solchen Aktivitäten. Aber der Rollstuhlfahrer lässt ihr keine Ruhe, bis sie sich in den Rennrolli setzt. „Gleich bei der ersten Ausfahrt fuhr ich 10 Kilometer und es hat mir so großen Spaß gemacht, dass ich schnell von der Hobby- zur Leistungssportlerin wurde“, erinnert sich Abele. Von da an geht alles Schlag auf Schlag.

1992 erringt sie bei einem internationalen Halbmarathon im Rennrolli den dritten Platz, ein Jahr später wird sie mehrfache Deutsche Meisterin und Zweite im Honolulu-Marathon auf Hawaii. Es folgen Jahre mit weiteren sportlichen Erfolgen und sie genießt die zahlreichen Reisen zu den Wettbewerben. „Auf Hawaii konnte ich vom Strand aus die Wale beobachten - das war wirklich gigantisch. Ein weiteres sehr schönes Erlebnis war es, vor dem Ayers Rock in Australien zu sitzen und am 4-Miles-Beach in Port Douglas hatte die starke Brandung den Strand regelrecht zementiert. Ich konnte dort mit dem Rolli direkt am Meer entlang fahren.“

Wieder Ziele zu haben, die Wettkampfteilnahme zu organisieren – das alles lässt Kerstin gar keine Zeit, um über ihr Elend nachzudenken. Außerdem steigt mit den ersten Erfolgen das Selbstbewusstsein und die körperliche Fitness, was ihr auch im Alltag sehr zugute kommt. Und schließlich ist da ihr Drang zur größtmöglichen Selbständigkeit, der ihr die Kraft gibt, mit dem Schicksalsschlag fertig zu werden. „Während in der Rehaklinik die anderen beim Kaffeetrinken saßen, habe ich eine zusätzliche Einheit Hanteltraining absolviert. Im Rahmen dessen was die Behinderung zulässt, wollte ich um jeden Preis so fit wie möglich sein.“

15 Loperamid-Tabletten pro Tag
Im Frühjahr 2001 leidet Kerstin erstmals an Durchfällen, die nach einigen Wochen von selbst wieder verschwinden. Ein halbes Jahr später beginnen die Durchfälle erneut, aber diesmal wird sie sie nicht mehr zu schnell los. „Zuerst empfahl mein Arzt eine Darmsanierung, weil die Darmflora nachweislich nicht in Ordnung war“, erzählt sie. Die neunmonatige Behandlung bessert die Symptome aber nicht, sodass sich Kerstin im Sommer 2002 der ersten Darmspiegelung unterzieht – ohne Befund.

Die rätselhafte Erkrankung zehrt an Kerstin’s Kräften, bleibt aber nicht der einzige Rückschlag. Zusätzlich fordern elf Jahre Leistungssport im Rennrollstuhl ihren Tribut. „Ich hatte einen Bandscheibenvorfall und musste auf das Handbike wechseln.“ Zwar macht sich Kerstin auch in dieser Disziplin einen Namen, aber die Bauchbeschwerden setzen ihr weiter zu. Gerade in Stresssituationen – also zum Beispiel vor Wettkämpfen – nimmt sie bis zu 15 Loperamid-Tabletten pro Tag. Das Präparat unterdrückt die unwillkürlichen Darmbewegungen und unterbindet so den Durchfall. „Ohne dieses Medikament hätte ich teilweise zu Hause bleiben müssen“, sagt Kerstin. „Dass ich mit meiner Querschnittlähmung kein Gespür für den Darm habe, machte es natürlich noch schwieriger.“

Die diagnostische und therapeutische Odyssee endet erst im Januar 2005 als eine Kapselendoskopie im Bundeswehrkrankenhaus Ulm endlich die Diagnose bringt – Morbus Crohn. Kerstin erhält vier Monate lang Kortison, seither nimmt sie Weihrauch-Präparate und Mesalazin und ist auf dem Wege der Besserung.

„Alles in allem hat mir der Crohn in den letzten Jahren schon einiges an Lebensqualität genommen und die psychische Belastung war teilweise enorm“, sagt Kerstin rückblickend. „Es kostete auch unglaublich Kraft, zwanzig Mal und öfter am Tag auf die Toilette zu gehen.“ Während sie die Marathonstrecke zu ihren besten Zeiten in 1 Stunde und 42 Minuten hinter sich brachte, benötigt sie heute trotz der Besserung fast eine Viertelstunde länger.

Was im Breitensport völlig belanglos erscheint, ist im Leistungssport ein himmelweiter Unterschied. Und dass sie in den Rennzirkus zurück will, daran lässt Kerstin keinen Zweifel. „Wenn ich wieder richtig trainieren kann, möchte ich bei der Europameisterschaft 2007 und den Paralympics 2008 in Peking nochmal antreten.“

Geben, nicht nur nehmen
Bei soviel Leidenschaft stellt sich die Frage, wie ihr Leben einmal ohne den Leistungssport aussehen wird? Hier kommt Kerstin’s soziales Engagement ins Spiel. Seit 1998 geht sie für den Verein ‚Behinderte helfen Nichtbehinderten’ immer wieder in Schulen, um in einem zwei- bis dreistündigen Unterricht über Behinderungein aufzuklären und Berührungsängste und Hemmschwellen abzubauen. Dieses Engagement möchte sie ausbauen, wenn ihre Zeit als Wettkämpferin vorbei ist. Darüber hinaus geben ihr Freunde, die Familie und natürlich ihr Partner Rückhalt im Leben. „Aber genauso bin ich im Gegenzug für die Anderen da“, fügt sie hinzu. „Ich kann zwar körperlich nicht anpacken, aber ich bin eine gute Zuhörerin. Und mir ist es wichtig auch zu geben und nicht auf Grund meines Handicaps immer nur zu nehmen.“

  sehr gut gut geht so schlecht
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Kerstin Abele im Handbike

Kerstin Abele im Handbike

Stationen
21.09.1964
geboren in Ellwangen/Jagst

1975 – 1981
Mittlere Reife

1981 – 1984
Ausbildung zur Steuerfachgehilfin

17.10.1988
Fahrradunfall und Bruch des achten Brustwirbels; Querschnittlähmung

Herbst 1990
Erste Versuche in der Rollstuhl-Leichtathletik (Schnellfahren)

1998
Beginn der Referententätigkeit bei "Behinderte helfen Nichtbehinderten e.V.“

2001
Erste Durchfälle

Januar 2005
Diagnose Morbus Crohn

Größte sportliche Erfolge - Rennrollstuhl (1992 - 2000)
Mehrfache Deutsche Meisterin im Rennrollstuhl über verschiedene Distanzen, vordere Platzierungen in den Honolulu-Marathons auf Hawaii

Größte sportliche Erfolge – Handbike (2002 - 2004)
1. Plätze über Halbmarathon- und Marathonstrecken, vordere Platzierungen in den Deutschen Meisterschaften im Straßenrennen und Einzelzeitfahren, Vize-Europameisterin im Einzelzeitfahren

Wie Kerstin Abele bei Ihrem ersten Rennen nach längerer Wettkampfpause abschnitt, lesen Sie hier.
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