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Vollgas, vom ersten bis zum letzten Moment
28.08.06 - Vor fast genau einem Jahr porträtierten wir Kerstin Abele schon einmal in dieser Rubrik. Die Aalenerin hatte sich nach einem Unfall mit Querschnittlähmung intensiv dem Leistungssport verschrieben und gewann zahlreiche nationale und internationale Titel im Rennrollstuhl beziehungsweise mit dem Handbike. Ihr Morbus Crohn stürzte sie schließlich in ein Formtief, das eine zweijährige Wettkampfpause nach sich zog. Trotz ihrer häufigen Schübe wollte sie dieses Jahr wieder im Rennzirkus mitmischen. Wir haben sie begleitet.
Die Vorbereitung Aalen, 10. Mai 2006. In der Tiefgarage von Kerstins Wohnung steht das Handbike, eine Art Dreirad, das über eine Handkurbel und eine Kette mit Schaltgetriebe angetrieben wird - 16 Kilogramm leicht, Bauteile von Shimano, 4.000 € teuer. Kerstin hebt sich von ihrem Rollstuhl in den Sitz des Handbikes und kontrolliert die Pulsuhr. Sie zeigt 108 Schläge pro Minute an. Ideal ist ein Ruhepuls von 80, sind es mehr als 100 Schläge deutet dies auf einen Infekt oder ähnliche Umstände hin. Keine so guten Voraussetzungen also für die Trainingsrunde. Die Strecke beginnt quasi an der Garagentür und führt nach wenigen Hundert Metern hinaus aus der Stadt. Hier, in den Ausläufern der Schwäbischen Alb, reiht sich ein Anstieg an den nächsten. Dann schließen sich die behandschuhten Finger noch ein bisschen fester um die Griffe der Handkurbel und die Muskeln an den Armen treten hervor. Auf einer Anhöhe kontrolliert Kerstin erneut die Pulsuhr. „180 Schläge, das ist nahezu das Limit, an das man im Wettkampf geht“, schnauft sie enttäuscht. „Für das Training viel zu viel.“ Kerstin ist lange nicht so fit, wie zu ihren besten Zeiten. Das spürt sie selber und das zeigen auch die Leistungs- und Labordaten, die sie an der Abteilung für Sportmedizin der Uni Freiburg ein- bis zweimal jährlich erheben lässt. „Das Defizizt ist vor allem auf den Morbus Crohn zurückzuführen“, ist sie sich sicher. Immer wieder unterbrechen Schübe ihr Trainingsprogramm, immer wieder schwächen Durchfälle den Körper und zwingen sie kürzer zu treten. Trotzdem hat sie ein Ziel vor Augen: in diesem Jahr will sie wieder Rennen fahren. Das nächste, das in Frage kommt, ist der Halbmarathon am 27. Mai in der Schweiz. 8. Juni 2006: Das Rennen in der Schweiz musste Kerstin absagen. „Es wäre sinnlos gewesen“, sagt sie. „Seit drei Wochen ist die Körpertemperatur durchgehend um etwa ein Grad erhöht und ich fühle mich ziemlich geschlaucht. Außerdem muss ich Kortison nehmen.“ Und die Konkurrenz hat mächtig zugeschlagen: die Zeiten in Kerstins Handicap-Division lagen bei gut 50 Minuten für 21 Kilometer, vier Minuten besser als vor zwei Jahren. „Ich wäre mindestens vier Minuten schlechter gewesen“, schätzt sie. Nun fasst sie den nächsten Wettbewerb ins Auge, den Halbmarathon in Stuttgart am 23. Juli. 22. Juni 2006: Kerstin musste ihre Kortisondosis auf 30 mg pro Tag erhöhen. Auch begleitende Magenprobleme bereiten ihr Ärger, dafür lief es aber in den letzten Trainingseinheiten wieder etwas besser. „Im Gegensatz zu früher achte ich nicht mehr so sehr auf meine Pulsuhr - ich beobachte sie natürlich und registriere, dass der Puls zu hoch ist - aber ich nehme deshalb das Training nicht zurück. Die Muskulatur in den Armen sagt mir dann, wann es reicht.“ 20. Juli 2006: Kerstins Temperatur ist immer noch erhöht, vielleicht auch wegen der Erkältung, die sie sich noch zugezogen hat. „Ich kämpfe mit allem was greifbar ist dagegen an: Aspirin, Grippostad, homöopathische Tropfen. Die nächsten Tage werde ich viel zu Hause sein, um mich auszuruhen“, beschließt sie. Und sie gibt das Ziel für Stuttgart vor: „Eine Zeit um die 55 Minuten müsste drin sein.“ Das Rennen 23. Juli 2006: Kerstin steht um 03.45 Uhr auf und hat „natürlich“ Durchfall. Sie braucht 10 Lopedium-Tabletten um das Problem zu lösen. Als sie in Stuttgart ankommt, holt sie sich die Startnummer, pumpt die Reifen auf und installiert den Trinksack am Handbike. Der Startschuss fällt um 08:30 Uhr. Das Rennen ist ein Halbmarathon mit Massenstart, das heißt alle Teilnehmer gehen zeitgleich ins Feld. Die Platzierung erfolgt anhand des Geschlechts, der gefahrenen Zeit und normalerweise der Handicap-Division. Kerstin hat den Querschnitt auf Höhe des achten Brustwirbels und fährt in der Handicap-Division B (Lähmung zweier symmetrischer Extremitäten mit Querschnitt bis zum 10 Brustwirbel). Hier in Stuttgart wird aber nicht zwischen den Handicaps unterschieden, Kerstin fährt in einer Gruppe auch mit leichter behinderten. Kerstin muss fast von Beginn an alleine fahren, da die anderen Biker entweder schneller oder langsamer sind – und sie findet keinen Windschatten. Hier kommt ihr der Fahrstil zugute, den sie ohnehin im Rennen pflegt: „Vollgas vom ersten bis zum letzten Moment!“Als sie schließlich die Ziellinie überfährt, sind seit dem Start 56 Minuten und 35 Sekunden vergangen – Platz 1 bei den Frauen. „Es war sehr, sehr anstrengend“, sagt Kerstin im Anschluss an das Rennen. „Die Strecke in Stuttgart ist durch einige Steigungen auch wirklich anspruchsvoll - und ich war die ganze Zeit am Limit, es gab keinen Meter, auf dem ich hätte schneller fahren können.“ Aber die Mühe hatte ihren Lohn. „Als ich auf der Zielgeraden war und der Sprecher sagte: ‚Und hier kommt Kerstin Abele als erste Frau ins Ziel’, war das natürlich Klasse. Die Zeit war für das, dass ich alles alleine gefahren bin und die ganzen sonstigen Umstände wirklich in Ordnung, die Durchschnittsgeschwindigkeit betrug 22,4 km/h und der Durchschnittspuls von 187 zeigt, dass es wirklich nicht mehr schneller ging.“ Bis heute hat sich Kerstin nicht ganz von der Anstrengung erholt. Nach dem Rennen ging der Puls den ganzen Tag nicht mehr unter 120 und auch die Tage danach lag er kaum unter 110. Wie sich nachträglich zeigte, ging Kerstin mit einer akuten Entzündung an den Start. Irgendwann, das weiß sie selber, wird sie nicht mehr in der Lage sein, derartige Rennen zu fahren. Aber bis dahin wird sie es immer wieder genießen, an der Startlinie zu stehen und sich mit anderen zu messen. |
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Kerstin Abele im Handbike
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