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„Das Einzige, was sich mir in den Weg stellen kann, das bin ich selbst!“
30.08.05 - Barbara Ellen Erichsen ist Sängerin, Schauspielerin und Morbus-Crohn-Patientin. Sie hat einen unbeugsamen Willen glücklich zu sein, zu lernen und ihr Können zu zeigen.

Wenn Lebensträume und Lebensmut zusammenkommen, dann kann auch ein Morbus Crohn den Plänen nicht entgegenstehen. Das scheint zumindest für Barbara Ellen Erichsen zu gelten. Sie träumt bereits als Kind davon, was sie im Leben einmal machen wird. „Ich sah mich auf einer Bühne stehen und Lieder singen oder Texte vorlesen“, sagt sie.

Der Eintritt in den Kirchenchor ist der erste Schritt hin zu dieser Bühne, und das Singen wird Barbara Ellen’s Hobby. Ein weiterer Schritt sind die Auftritte mit verschiedenen Bands und allmählich ahnt sie, „dass das Potenzial zu mehr reicht, als zu einer Freizeit-Sängerin“. Es ist bezeichnend für sie, dass sie es nicht bei dieser Ahnung belässt.

Von Flamenco über Jazz bis zum Rock
1995, als 27-jährige, finanziert sie sich eine Ausbildung im Jazz-Gesang und wagt sich schließlich mit einem eigens zusammengestellten Programm a capella auf die Bühne. Während eines Auftritts wird eine Agentin auf sie aufmerksam und rät ihr, sich beim Künstlerdienst Hannover vorzustellen. „Die Präsentation war ein voller Erfolg“, erinnert sich Barbara Ellen. „Ich wurde in die Kartei der Agentur aufgenommen und entschloss mich, das Singen zu meinem Beruf zu machen.“

Es folgen Engagements in verschiedenen Projekten, 1999 gründet sie zusammen mit zwei anderen Musikern das Barbara-Ellen-Trio. Ihr Repertoire reicht nun von leichten Flamenco-Klängen über jazzige Balladen und Swingklassiker bis zu bluesigen und rockigen Songs. Später nimmt sie auch Unterricht in klassischem Gesang und absolviert – von neuerlichen Träumen angetrieben – eine Ausbildung als Theaterschauspielerin. Heute tritt sie als Sängerin, Vorleserin und auf Theaterbühnen auf. Kaum vorstellbar, dass ein derartiger Werdegang mit einem Morbus Crohn schwerster Ausprägung vereinbar war.

Ein besonders aggressiver Verlauf
Die Erkrankung wird bei ihr 1983 im Alter von 15 Jahren diagnostiziert. Zuvor hat sie drei Monate lang an Durchfällen gelitten und viel Gewicht verloren. „Durch diese rasche Diagnosestellung blieb es mir wenigstens erspart, wie viele andere zur Simulantin gestempelt zu werden“, sagt sie rückblickend. Ihr Bericht über den weiteren Verlauf ist gleichwohl erschreckend.

Auf eine lange Schubphase 1989 folgen mehrere Operationen wegen Abszessen und Fisteln. Nach Darmoperationen wird zunächst ein Kolostoma angelegt, 1993 ein Ileostoma. In diesen Jahren kommt es gelegentlich vor, dass sie während der Arztvisiten als Paradebeispiel für einen besonders aggressiven Verlauf vorgestellt wird. Und die Probleme gehen weiter.

Der auf eineinhalb Meter verkürzte Darm kann die Nährstoffe nur noch unzureichend aus der Nahrung aufnehmen, Mediziner sprechen von einem Kurzdarmsyndrom. „Es kam zu einem starken Elektrolytmangel und ich war häufig nahe an einer Ohnmacht“, schildert Barbara Ellen die Folgen. Sie erhält daher einen Katheter, über den die notwendigen Nährstoffe als Infusion in das Venensystem eingeleitet werden. „Zweieinhalb Jahre lang, jede Nacht bis zu zwölf Stunden lang“, so Barbara Ellen.

Diese so genannte parenterale Ernährung ist nicht frei von Risiken und so wird sie auf eine enterale Ernährung mittels einer Nasendünndarm-Sonde umgestellt. Für weitere 16 Monate muss sie energiereiche Flüssigkeiten, Mineralien und Spurenelemente über diesen Schlauch in den Darm leiten, bis sie sich endlich wieder normal ernähren kann.

Zurzeit benötigt Barbara Ellen keine Crohn-spezifischen Medikamente und kann sich normal ernähren. Allerdings muss sie im Tagesmittel rund 4.000 kcal zu sich nehmen und benötigt zweimal wöchentlich eine Infusion zum Ersatz der Elektrolyte. „Ich wähle die Speisen daher sehr bewusst aus, und habe ein gutes Gefühl dafür entwickelt, was mein Organismus gerade braucht“, sagt sie.

„Dein Stoma ist wie eine Brille!“
Woher nimmt sie nur die Kraft, sich mit einer derartigen Patientenkarriere auf die Bühne zu stellen? Zumindest anfangs ist es das Singen selbst. „Ich konnte mich damit zur Ruhe bringen und es machte mich glücklich“, sagt Barbara Ellen. In den Phasen zwischen den Schüben entwickelt sie damit eine ungeheure Energie, der sie nur noch eine Richtung geben muss. „Die Projekte und Ziele, die ich mir im Leben vorgenommen hatte, konnte ich bislang immer umsetzen.“

Eine weitere Kraftquelle sind ihre Eltern und Freunde. „Sie berücksichtigten meine Erkrankung stets als etwas, das wie eine bestimmte Eigenschaft mit mir verbunden war, aber nicht als etwas Krankhaftes“, sagt Barbara Ellen. Wie diese Haltung im Alltag aussehen kann, bringt ein Freund auf den Punkt: „Dein Stoma, das ist so etwas wie bei anderen eine Brille“, hat er einmal gesagt.

Und schließlich sind da noch ihre Überzeugungen, die ihr über manchen Schmerz hinweghelfen – zum Beispiel bei Trennungen. „Ich habe es immer respektiert und nicht als Schwäche angesehen, wenn jemand mit meiner Erkrankung nicht umgehen konnte“, sagt sie. „Es ist dann besser sich zu trennen, als sich gegenseitig etwas vorzuspielen.“ Wie kommt man zu dieser Selbstsicherheit? „Man darf sich nicht über die Erkrankung definieren, sonst gerät man in eine Opferrolle. Man muss stattdessen herausfinden, was man ohne die Erkrankung ist.“

Schöngeist am Abgrund
Für Barbara Ellen ist klar: Sängerin und Schauspielerin wäre sie auch ohne Morbus Crohn geworden. „Die Grenzsituationen waren aber ein Weg dorthin zu finden.“ Um Grenzsituationen geht es auch in ihrem neuen Programm ‚Schöngeist am Abgrund’, das sie zusammen mit Kollegen zusammengestellt hat. Barbara Ellen singt und inszeniert Texte aus der klassischen und zeitgenössischen Theaterliteratur, von Goethe bis Jelinek.

„Diese Texte erinnern daran, dass das Leben sehr schöngeistig sein kann, sich aber auch plötzlich Abgründe auftun“, erläutert Barbara Ellen. „Man kann in sie hinunterblicken, man kann abstürzen oder man kann sich – sozusagen aus der Not heraus – neu orientieren.“

Ob Barbara Ellen in dieses Programm Erfahrungen aus ihrem eigenen Leben einfließen ließ?


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Barbara Ellen Erichsen
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Barbara Ellen Erichsen 
Geboren: 1968
Beruf: Einzelhandels- und Reiseverkehrskauffrau, seit 1995 professionelle Sängerin und Schauspielerin
(Bilder von Christoph Jirjahlke)




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