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Schöne zweite Welt
Als virtueller CED-Patient in second life

Eigentlich hält die Webplattform second life ja eine verführerische Perspektive bereit. Wenn’s im ersten Leben nicht richtig klappt – weil man zu dick ist, zu dünn, zu arm, gerade arbeitslos etc. - dann taucht man halt in das nächste ein – und sei es nur virtuell und zeitweilig. Mir hängt mein Crohn gerade zum Hals heraus, also auf ins second life.

12.06.07
Eine Selbsthilfegruppe mit 20.000 Patienten
7,4 Millionen Einwohner hat second life nach den Angaben der Website-Betreiber. Allerdings scheinen das nur Zweitwohnsitze zu sein, denn in den vergangenen 60 Tagen waren gerade mal 1,7 Millionen eingeloggt. Trotzdem komme ich ins Grübeln: Legt man die Schätzungen zur CED-Prävalenz in den westlichen Industrienationen zugrunde, müssten etwa 20.000 Patienten mit Morbus Crohn und Colitis ulcerosa registriert sein.

Vielleicht outen die sich ja im Web, ist mein nächster Gedanke. Und schon werde ich neugierig: Wie es in Deutschland um CED-Patienten bestellt ist, weiß ich. Aber wie leben sie in den USA, Skandinavien oder sonstwo auf der Welt? Mal sehen.

Mein Name sei Jupp Fredriksson
Als erstes geht es darum, mir eine Identität zuzulegen. Den Vornamen kann ich mir aussuchen, beim Nachnamen muss ich auf eine Auswahlliste zurückgreifen. Dann brauche ich auch einen Körper und ganz offensichtlich ist das genetische Programm im zweiten Leben schon sehr eingeschränkt. Zur Wahl stehen der Boy next door, der auch so aussieht. Dann der City chic, ein Typ, der Frauen auf Partys mit intellektuellem Geschwätz zudröhnt. Schließlich der Manga-Verschnitt Harajuku, der düstere Cyber-Goth und ein Muskelpaket namens Night-Club.

Eigentlich finde ich mich in keinem der Avatare so richtig wieder, aber das ist schon ein falscher Ansatz. Schließlich wollen hier alle einen besseren Schnitt machen als im richtigen Leben. Den mache ich sogar noch mit dem Boy next door und trete ich jetzt als solcher und unter dem Namen Jupp Fredriksson in mein zweites Leben ein.

Hi, I speak english
Nach dem Login sehe ich mich durch eine virtuelle Welt wandern – nackt. Ist eben eine Art zweiter Geburt, denke ich, da läuft auch schon eine nackte Frau zu mor her und spricht mich an. „Hi, I speak english“ erscheint in einer Textbox auf meinem Bildschirm, darunter asiatische Schriftzeichen. Das fängt ja gut an. Keine Ahnung wie ich antworten soll, aber mir ist die Suche nach Hemd und Hose momentan ohnehin näher. Kurz darauf habe ich auch tatsächlich was auf dem Leib ohne allerdings zu wissen, wie das ging.

Crohn’s and Colitis Support Group
Als nächstes mache ich mich auf die Suche nach CED-Patienten und finde tatsächlich die Crohn’s und Colitis Support Group. Die besteht allerdings gerade mal aus fünf, mit mir nun sechs Mitgliedern.

Initiatorin ist KirstenAnn Beck. Wie ihr Profil ausweist, ist Sie außerdem Mitglied zweier Alkoholiker-Gruppen in second life, der Chicagoer Ortsgruppe und schließlich der Feministinnen. Die muss ja drauf sein. Über Cessa Maertens erfährt man, dass sie auf der Suche nach Hilfe ist, über Diane Arizona, dass sie sich bereits ein Haus in second life gebaut hat, über die anderen praktisch nichts. Da auch keines der Mitglieder online ist, hinterlasse ich eine Nachricht an KirstenAnn und logge mich erstmal aus. Etwas, was ich auch in meinem ersten Leben manchmal ganz gerne machen würde.

14.06.07
Small talk mit Steppenwolf
Voller Spannung gehe ich wieder auf second life. Ob sich in der Gruppe wohl was getan hat? Und tatsächlich, KirstenAnn hat auf mein Freundschaftsangebot reagiert. Wie sie mich über eine Messaging-Plattform wissen lässt, hat sie die CED-Gruppe ins Leben gerufen, weil sie in second life ansonsten keinen Platz für das Thema fand. Auch sie ist auf Austausch bedacht. Den versuche ich nun in Gang zu bringen und stelle mich mit ein paar Details – auch aus meinem ersten Leben - vor.

In der Zwischenzeit baut sich um mich ein neues Szenario auf. Per Cursor-Tasten bin ich an eine Burg gelangt, vor der Steppenwolf Lubitsch – Typ City chick - auf und ab geht. Der bietet mir auch gleich die Freundschaft an, und als unkomplizierter Boy next door gehe ich natürlich darauf ein.

Per instant messaging tasten wir uns aneinander heran, und ich muss sagen, es macht Spaß. Ich erlebe mich von einer Seite, die mir ansonsten nicht so liegt. Der belanglose Small-talk mit bislang unbekannten Personen – hier gelingt er plötzlich.

Steppenwolf ist nach eigener Auskunft Spanier, und wie sich zeigt, spricht er neben spanisch auch englisch und ein bisschen deutsch. Letzteres, weil er eine Zeit lang in Österreich verbracht hat. Aus seinem Profil ersehe ich, dass er sich als Psychiater ausweist. Würde zu einem Österreich-Aufenthalt passen und auch, dass sich der Steppenwolf in seinem Namen auf das gleichnamige Buch von Hermann Hesse bezieht. Ich ertappe mich dabei, wie ich aus den Angaben in second life detektivisch Rückschlüsse auf die echte Identität ziehe.

Bevor er nun seinerseits mir auf die Pelle rückt, beschließe ich die Sitzung zu beenden. Schließlich gibt es auch im ersten Leben noch eine Menge zu tun. Ich verabschiede mich und stelle fest, dass ich satte zwei Stunden vertan habe.

16.06.07 bis 21.06.07
Resonanz aus der Gruppe?
In den folgenden Tagen wähle ich mich mehrmals in second life ein, um nach einer Reaktion von KirstenAnn oder den anderen Mitgliedern der CED-Gruppe zu suchen. Nichts, tote Hose. Zwar war KirstenAnn nochmal online, zu einer Rückmeldung konnte sie sich aber offenbar nicht aufraffen. War meine Selbstbeschreibung etwa zu langweilig? Lediglich Steppenwolf hat mich nochmal gegrüßt, über ein Hi Jupp! ist er aber auch nicht hinausgekommen.

Ein bisschen enttäuscht bin ich schon. Vielleicht liegt es ja an mir. Eigentlich ist es wie im richtigen Leben. Man kann einfach nicht erwarten, nach den ersten Anläufen schon tiefgründige Freundschaften zu finden. Und vielleicht geht es darum ja auch gar nicht. Vielleicht ist das vielmehr wie im Fasching. Man verpasst sich eine neue Identität, lebt Dinge aus, die man ansonsten nie ausleben würde und probiert neue Seiten an sich aus. Dann dürfte ich aber auch mit meinem Crohn woanders besser aufgehoben sein.

  sehr gut gut geht so schlecht
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Second life

Die Web-community-Plattform second life ist seit 2003 online. Erst in diesem Jahr fand sie bei uns größeres Echo in der allgemeinen Presse. Teilnehmer können dort eine Identität annehmen und sich ansonsten wie im richtigen Leben verhalten. Sie können Berufe, ergreifen, Geld verdienen, Häuser bauen etc.

Mehr zu second life finden Sie beispielsweise unter folgenden Links:

Second life
Die Zeit
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