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Kunst am Bau
02.10.09 - Ein entzündeter Darm, hoch wie eine Mauer, Momentaufnahmen, live vom stillen Örtchen, Feuer im Unterleib, Sprechblasen, die verraten: „Ich lebe auf dem Klo“… Mit einem monumentalen Comic sprengt der junge Kieler Künstler Tim Eckhorst Tabus. Unter dem Titel „Krieg im Körper“ pinselte er Informationen zum Krankheitsbild Morbus Crohn an eine Hauswand – 35 Meter lang.
Das Projekt entstand im Rahmen einer Kooperation des Excellenzclusters Entzündungsforschung mit der Muthesius Kunsthochschule Kiel. In dem Excellenzcluster haben sich fast 200 hoch spezialisierte Wissenschaftler und Mediziner zu einem Forschungsverbund zusammengeschlossen. Dadurch will man zu einem neuen interdisziplinären Verständnis und neuen Behandlungsansätzen für so unterschiedliche Krankheiten wie Asthma, CED, Neurodermitis oder Multiple Sklerose gelangen. Begegnung mit der Krankheit Im Sommersemester 2009 startete das Excellenzcluster eine Kooperation mit der Muthesius Kunsthochschule. Ziel: die Studenten sollten ihre Impressionen zu verschiedenen medizinischen Fachvorträgen und Krankenhauspraktika in Kunstwerke umsetzen, um auf die Situation der Patienten aufmerksam zu machen und der Öffentlichkeit die Arbeit des Forschungsnetzwerkes näher zu bringen. Für Tim Eckhorst war es die erste bewusste Begegnung mit dem häufig tabuisierten Leiden CED. „Allerdings habe ich später erfahren, dass eine Bekannte an Colitis Ulcerosa erkrankt ist.“ Warum er gerade dieses Thema für sein Projekt wählte? „Viele von uns haben sich in ihren Werken mit Morbus Crohn auseinandergesetzt. Ich glaube, das ist etwas, was wir als junge Menschen besonders gut greifen konnten. Die Vorstellung, sich durchs Leben zu schlagen immer auf der Suche nach einer Toilette. Zuhause zu sitzen, wenn die Freunde auf eine Party gehen. Da war dieses Gefühl ‚Oh Gott, das muss ja schlimm sein!“ Hingucken statt Wegsehen Um den Namen Morbus Crohn „in die Welt zu tragen“, wählte Tim Eckhorst ein künstlerisches Mittel, das „zum Hingucken einlädt, nicht zum Wegsehen. Medizinische Fotos wirken oft abschreckend, dagegen haben Zeichnungen ihre eigene Ästhetik. Der Comic als Gestaltungsmittel eignet sich besonders, um etwas Neues zu lernen.“ In seinem Werk erzählt er anschaulich und sensibel von einem häufig schamhaft verschwiegenen Leiden. Im ersten Teil dominieren anonyme Bilder: eine Flut von Bakterien im Darm, das Körperinnere, das wie in Flammen steht, eine Toilettenschlüssel voll Blutspuren, das Abflussrohr aufgerissen wie ein gieriger Mund. Im zweiten Teil berichten Menschen verschiedenen Alters und Geschlechts von ihrem Leben mit Morbus Crohn. Die sprechenden Zitate fand Tim Eckhorst unter anderem bei seiner Recherche in verschiedenen Patientenforen: „Ich muss täglich 20mal aufs Klo“; „Ich hätte vor Schmerzen am liebsten laut geschrien“; „Natürlich ist man verzweifelt, wenn man einen Schub bekommt, es geht aber auch wieder bergauf.“ Nächtelange Knochenarbeit Entstanden ist der Comic übrigens in monatelanger Kleinarbeit am Schreibtisch. Die fertige Vorlage beamte Tim Eckhorst mittels Tageslichtprojektor auf die Hauswand und übertrug die Bilder mit Pinsel und schwarzer Farbe, 6 Nächte lang (wegen der Lichtverhältnisse) von 21 Uhr, teils bis frühmorgens um 4. „Das war Knochenarbeit“, berichtet Tim Eckhorst. Per Video wurde der Entstehungsprozess festgehalten. Von den meisten Passanten kam interessierter Zuspruch, erzählt der junge Künstler. Nur einen Herrn musste er mit viel Überredungsvermögen davon abhalten, sein Werk mit weißer Wandfarbe zu überstreichen. Dieser war nämlich überzeugt, dass Eckhorst sich als verbotener Schmierfink betätigte. Doch im Gegenteil: die Wand wurde dem Kunststudenten von seinem Hauswirt zur Gestaltung angeboten, um sie vor wilden Graffitiübergriffen zu schützen. Nachhaltig geprägt Die Kooperation des Excellenzclusters mit der Kunsthochschule läuft weiter. Die entstandenen Kunstwerke können bei einer Ausstellung von 20.-30. April 2010 in der Schleswig-Holsteinischen Landesvertretung (Adresse: In den Ministergärten 8) in Berlin sowie im nächsten Sommer bei der Kieler Woche besichtigt werden. Für Tim Eckhorst hat ein neues Semester mit neuen Projekten begonnen – doch die Arbeit an „Krieg im Körper“ hat ihn persönlich nachhaltig geprägt: „In meinem Kopf hat sich etwas bewegt“, sagt er nachdenklich. „Wenn ich an die Krankheit denke, werden andere Dinge eher unwichtig: der tägliche Stress, das Gefühl, dass man noch schnell dies und das erledigen muss. Ich schätze mich eher glücklich.“ Und wenn auch dieser Effekt mit der Zeit allmählich abklingt, steht da immer noch die Wand und erinnert ihn an seine Erkenntnis. |
Alle Fotos: Tina Eckhorst
"Der Comic als Gestaltungsmittel eignet sich besonders, um etwas Neues zu lernen." Tim Eckhorst über sein Projekt 'Krieg im Körper' Mehr über den Comic und die Arbeit des Excellenzclusters finden Sie auf folgenden Websites: Video von der Entstehung des Comics Excellenzcluster Entzündungsforschung Homepage von Tim Eckhorst Virtuelles Panorama der Comic-Wand |
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