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Chronobiologie - Leben ist Rhythmus
13.04.2010 - Der Frühling hat den langen dunklen Winter geschlagen, die Vögel zwitschern um die Wette und die Straßen sind voll von zweibeinigen Sonnenanbetern… Die Sehnsucht nach Licht und Wärme ist in den Genen verankert, sagen Chronobiologen. Die junge Wissenschaft untersucht, wie unser Körper im natürlichen Takt einer inneren Uhr schlägt – im Tageslauf ebenso wie im Jahreskreis. Wichtiges Forschungsergebnis: Wer mit der Zeit geht, lebt gesünder! Das gilt auch für die Einnahme von Medikamenten. Neue Studien zeigen, dass die Anwendung zur rechten Zeit helfen kann, unerwünschte Nebenwirkungen zu senken. So sollten Cortisonpräparate bevorzugt morgens eingenommen werden, solange die Produktion des körpereigenen Hormons Cortisol am höchsten ist.

Es begann vor rund 50 Jahren. Damals zogen die ersten Versuchspersonen in einen hermetisch abgeschotteten Bunker in dem kleinen bayerischen Ort Andechs. Ohne Kontakt zur Außenwelt, ohne Sonnenlicht und ohne Uhr… Von äußeren Zeitgebern unberührt, stand es ihnen frei, ihre Tage und Nächte ganz nach Belieben mit Schlafen, Essen, Arbeiten oder Entspannen zu verbringen.

Über 400 Testpersonen nahmen an diesem Experiment des Max-Planck-Institutes für Verhaltensforschung teil. Bei der Mehrzahl pendelte sich der Tagesablauf bald auf einen festen Rhythmus von rund 25 Stunden ein. Die Forscher schlossen daraus: Es gibt ein angeborenes Taktgefühl für die tägliche Zeiteinteilung.

Wer hat an der Uhr gedreht?

Im Real Life ticken wir allerdings synchron zur Drehung der Erde im 24- statt im 25-Stunden-Rhythmus. Das verdanken wir laut Aussagen von Chronobiologen dem Einfluss der Sonne. Stärker als alle sozialen Kontakte und Verpflichtungen dreht deren Licht am Rädchen der inneren Uhr. Es fördert unter anderem die Bildung des Glücks- und Wachhormons Serotonin und verzögert den Einfluss des Schlafhormons Melatonin.

CED-Patienten, die sich krankheitsbedingt häufig müde und abgespannt fühlen, sollten deshalb möglichst viel ins Freie gehen. Denn Tageslicht hat eine Lichtstärke von 20.000 bis 100.000 Lux – bis zu 100mal stärker als eine durchschnittliche Innenbeleuchtung mit rund 300 bis 800 Lux.

Ein Morgenspaziergang oder Frühgymnastik am geöffneten Fenster sorgt für einen guten Start in den Tag. Gleichzeitig wird durch die Bewegung die Verdauung angeregt. Die Verdauungssäfte beginnen zu fließen und die von der langen Nachtruhe träge Magen-Darm-Muskulatur kommt in Schwung.

Gezielt Sonne tanken

Auch das gefürchtete Mittagstief ist chronobiologisch bedingt – ein kleines Nickerchen hilft. An unseren temperamentvollen südlichen Nachbarn sehen wir, dass die Siesta die Lebensgeister am Abend weckt. Vor allem, wenn man am späten Nachmittag noch einmal gezielt Sonne tankt.

Wer allerdings zu oft über die Stränge schlägt, schadet sich auf Dauer nur selbst. Am gesündesten sind nach Feststellungen von Chronobiologen rund 8 Stunden Schlaf täglich mit regelmäßigen Einschlaf- und Aufwachzeiten. Wenn die Lebensgewohnheiten zwischen Werktagen und Wochenenden allzu stark schwanken, muss sich der Körper jedes Mal wieder kräfteaufreibend umpolen.

Auch feste Mahl-Zeiten helfen, den eigenen Wohlfühlrhythmus zu finden. Das Essen sollte in Ruhe genossen werden ohne Fernseher, PC oder Aktenordner neben dem Teller. Und anschließend darf man sich gerne noch ein Päuschen von 5 bis 10 Minuten gönnen statt sofort hektisch weiterzuwursteln.

Weniger ist Mehr

Ähnliche Ratschläge für eine gesunde Lebensführung geben auch Jahrtausende alte Behandlungsmethoden wie die Traditionelle Chinesische Medizin oder Ayurveda. Heute liefert moderne Wissenschaft die Erklärung für viele uralte Gesundheitsregeln nach. Die Chronomedizin untersucht unter anderem die natürlichen Schwankungen von Hormonhaushalt, Blutdruck oder Organfunktionen rund um die Uhr und leitet daraus Empfehlungen zur Gesundheitsvorsorge ab.

Chronopharmakologen setzen diese Befunde in Bezug zur Medikamentengabe. Durch eine zeitlich gesteuerte Einnahme von Arzneimitteln soll mit der kleinstmöglichen Dosis die größtmögliche Wirkung erzielt werden. Gleichzeitig will man Nebenwirkungen verringern.

… beachten Sie die Packungsbeilage

So wurde weltweit in zahlreichen Studien festgestellt, dass die Konzentration des körpereigenen Hormons Cortisol im Blutplasma am frühen Morgen am höchsten ist. Deshalb sollten CED-Patienten, die aufgrund einer akuten Entzündung ein Cortisonpräparat brauchen, dieses bevorzugt morgens einnehmen. Dann toleriert der Körper laut Untersuchungsergebnissen den Arzneistoff am besten.

Nach dem Forschungsverbund Kompetenznetz Darmerkrankungen haben die Erkenntnisse über den geeigneten Einnahmezeitpunkt und die Dosierung mit dazu beigetragen, dass Cortisonschäden heute wesentlich zurückgegangen sind.

Bei ärztlichen Einnahmeempfehlungen sollte also nicht nur das Was? und das Wieviel? eisern befolgt werden, sondern ebenso das Wann? Denn auch für Medikamente gilt offenbar: Alles hat seine Zeit – und alles hat seine Stunde…

  sehr gut gut geht so schlecht
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