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Bewegende Bilder
19.07.2010 - „Du hast Schmetterlinge im Bauch? In mir brodelt ein Vulkan.“ Was CED-Patienten meist schamhaft verschweigen – die Qualen, die sie während eines Entzündungsschubes erleiden – wird hier auf einem Stück motivgeprägten Toilettenpapier publik gemacht, nebst Blümchen und flatternden Schmetterlingen. Nicht aufs stille Örtchen verbannt, sondern weithin sichtbar, an Bushaltestellen oder Littfaßsäulen, zu Plakatgröße aufgeblasen. „Entzündet“ lautet der Titel eines Kunstprojektes, bei dem junge Kommunikationsdesigner und Künstler Entzündungskrankheiten wie Morbus Crohn an die Öffentlichkeit tragen.

Kampagne gegen Sprachlosigkeit

Die Werke entstanden im Rahmen eines Seminars an der Muthesius-Kunsthochschule Kiel. Ein Jahr lang waren die Studenten gefordert, sich mit ihren kreativen Ideen einem komplexen Thema zu nähern: Sie sollten Forschungsergebnisse in anschauliche, allgemein verständliche Bilder umsetzen und eine Sprache finden für das stille Leid, mit dem zahlreiche chronisch kranke Menschen leben.

Angeregt und wissenschaftlich betreut wurden die Künstler vom Excellenzcluster Entzündungsforschung, einem Forschungsnetzwerk, in dem rund 200 hoch spezialisierte Mediziner und Wissenschaftler in Schleswig-Holstein zusammen arbeiten. Ihr Ziel ist es, neue Erkenntnisse über verschiedene Entzündungskrankheiten wie Schuppenflechte, Asthma, Parkinson, Multiple Sklerose, Parodontitis oder auch Morbus Crohn zu sammeln.

Epidemie der Zivilisationsgesellschaft

Die unterschiedlichen Symptome dieser Erkrankungen lassen sich nach Erkenntnis der Wissenschaftler auf einen gemeinsamen Nenner bringen: sie entstehen durch eine Entzündungsreaktion des Körpers. Nach Auskunft der Forscher grundsätzlich ein sinnvoller Abwehrmechanismus gegen Eindringlinge wie Viren, Bakterien oder Pilze. Bei den genannten Krankheiten greift der Körper jedoch das eigene, gesunde Gewebe an.

Mittlerweile entgleise das Verteidigungssystem bei einer wachsenden Zahl von Menschen. Der Excellenzcluster betrachtet chronische Entzündungen deshalb als „die zentrale Herausforderung der Medizin des 21. Jahrhunderts“. Um dieser zunehmenden Challenge angemessen zu begegnen, ist es nach Ansicht der Forscher nötig, über den Tellerrand einzelner Krankheitsbilder und Forschungsdisziplinen hinauszublicken.

In diesem Zusammenhang wurde auch die Hilfe der jungen Künstler gesucht. Die Forscher wollten begreiflich machen, dass sie nicht im luftleeren Raum einer abgeschotteten Wissenschaft operieren und um Verständnis für die Betroffenen in der Öffentlichkeit werben.

Trickfilm und Eiterblasen

Durch wissenschaftliche Vorträge und Anschauungsunterricht in Krankenhäusern wurden die Studenten in die Thematik eingeführt. Viele recherchierten auch in Patientenforen im Internet. Es entstand eine Reihe von Werken mit ganz unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksmitteln – Kurzfilme, räumliche Installationen, Poster, Collagen, eine rund 35 Meter lange Wandmalerei in Comicform.

Die Objekte erregen Ekel, Staunen oder Faszination oder täuschen bewusst eine heile Welt vor. So veranschaulichen in einem Trickfilm knallbunte Knetkörperchen den Ablauf einer Entzündungsreaktion im Körper; Filmplakate zeigen Science-Fiction-Szenen; aus öffentlichen Wänden wuchern monströse Blut- und Eiterblasen in 3D.

Dadurch werden die Besucher bewegt, näher zu treten und genau hinzusehen, bis sich im zweiten Schritt ein Aha-Effekt einstellt und das Geheimnis gelüftet wird. Meist lädt erst das Kleingedruckte dazu ein, sich näher mit den Krankheiten zu befassen. Ein gutes Bild für die Lebenssituation der Patienten, die ja oft auch möglichst wenig Aufheben von ihren Problemen machen.

Aha-Effekt

Eine Auswahl von rund 24 Werken konnte inzwischen in einer gut besuchten Ausstellung in der Schleswig-Holsteinischen Landesvertretung in Berlin besichtigt werden. Darüber hinaus hingen zahlreiche Kunstwerke auch als großformatige Plakate in der Kieler und Lübecker Innenstadt aus.

„Zahlreiche Besucher der Ausstellung waren überrascht, wie viele verschiedene chronische Entzündungskrankheiten es gibt und dass man es den Betroffenen auf den ersten Blick meist nicht ansieht, wie stark sie in ihrem persönlichen Leben eingeschränkt sind“, berichtet Dr. Jens Urny, Projektmanager beim Excellenzcluster Entzündungsforschung.

Ein Schritt, um in der heilen Werbewelt der Reichen und Schönen dem Thema Krankheit einen Platz im öffentlichen Bewusstsein zu erobern. Immerhin leiden deutschlandweit Millionen Menschen an einer chronischen Entzündung.

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